Ölpest setzt Beziehungen USA-England Stresstest aus

11. Juni 2010, 21:23
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Nach zunehmenden Attacken der US-Regierung gegen BP wegen der Ölpest im Golf von Mexiko mehren sich in Großbritannien die antiamerikanischen Stimmen

Die britische Regierung hat sich Donnerstag schützend vor den britischen Ölkonzern BP gestellt, der zuletzt von der US-Regierung scharf wegen seines mangelhaften Krisenmanagements kritisiert worden war. Ständig steigende Milliardenkosten durch die Umweltkatastrophe im Golf von Mexiko gefährden zunehmend die Existenz von BP. Inzwischen sind sie auch eine starke Belastung des traditionell guten britisch-amerikanischen Verhältnisses.

Zwar habe "Premier David Cameron volles Verständnis für die Sorgen, die die Umweltkatastrophe in den USA ausgelöst habe" , sagte Schatzkanzler George Osborne. Aber der wirtschaftliche Wert von BP für Briten und Amerikaner dürfe nicht vergessen werden, erklärte Osborne.

Premierminister David Cameron will darum an diesem Wochenende den Fall BP mit Präsident Obama persönlich besprechen. Sein liberaler Premier-Stellvertreter Nick Clegg warnte vor einem diplomatischen Streit zwischen den beiden Staaten.

Damit reagierte die konservativ-liberale Koalition auch auf Londoner Medien, die von der Regierung mehr Schützenhilfe für den Vorzeigekonzern BP forderten. Im vergangenen Finanzjahr hatte BP dem Staat über eine Milliarde Pfund an Steuern bezahlt.

Auch BP scheint inzwischen bereit zum Einlenken und will die Auszahlung seiner Dividende bis auf weiteres aussetzen, berichtet die Times. Das Geld für das zweite Quartal soll in einen Sonderfonds fließen, bis das volle Ausmaß der Belastung durch das Öl-Desaster bekannt ist. Der BP-Vorstand berate derzeit den Plan, die Dividende, die am 27. Juli veröffentlicht werden sollte, zu verschieben, bis die Krise unter Kontrolle ist. Weitere vierteljährliche Ausschüttungen könnten in derselben Weise behandelt werden, bis der Konzern wieder stabiler ist, berichtet die Times.

Zuvor hatte der US-Justizminister Eric Holder angekündigt, "alle notwendigen Schritte" zu unternehmen, um BP zur Übernahme der Kosten zu zwingen. Darunter könnte auch eine gerichtliche Verfügung zum Verbot der Dividendenauszahlung sein. Im Kreuzfeuer der US-Kritik steht BP-Vorstandschef Tony Hayward. Den 52-jährigen Engländer "hätte ich längst gefeuert" , erklärte Präsident Obama diese Woche. Diese Kritik hatte Donnerstag zum Absturz der BP-Aktie auf ein 14-Jahres-Tief geführt. Dank der Verteidigung durch die britische Regierung konnte sich die Aktie am Freitag erholen.

Für kommende Woche hat Präsident Obama den BP-Aufsichtsratschef Carl-Henric Svanberg ins Weiße Haus zitiert. Von dem erst seit Jänner amtierenden Schweden war in den vorigen Wochen kaum etwas zu hören. Das in London ansässige Unternehmen hat seit der Explosion der Ölförderplattform "Deepwater Horizon" im April beinahe die Hälfte seines Aktienwertes eingebüßt und gilt bei manchen Börsianern bereits als reif zur Übernahme. (Sebastian Borger aus London/DER STANDARD, Printausgabe, 12./13. Juni 2010)

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    Von der Ölpest noch unversehrte Idylle: Eine Sandskulptur am Pensacola-Strand in Florida weist darauf hin, was noch kommen kann

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