Sascha Goetzel: "Beim Musizieren gibt es kein ich, da gibt es nur ein Wir"

10. Juni 2010, 18:36
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Am Samstag hat an der Wiener Volksoper Mozarts "Entführung aus dem Serail" Premiere - der Dirigent im Interview

Andrea Schurian sprach mit Sascha Goetzel.

Standard: Ab wann wussten Sie, dass Sie Dirigent werden wollten?

Goetzel: Es war bei einem Silvesterfest: Ich war zehn Jahre alt, habe mich auf einen Sessel gestellt und begonnen, die Gäste - lauter Musikerfreunde meines Vaters - zu dirigieren. Alle sagten, ich würde einmal Dirigent werden. Ich habe schon damals gespürt, dass die energetischen Fäden innerhalb eines Orchesters in der Mitte zusammenlaufen. Auf Anraten meines Vaters habe ich zuerst Geige gelernt. 1995 ging ich nach Amerika, studierte an der Juilliard School und wurde 1998 von Seiji Ozawa als Fellowship Dirigent nach Tanglewood eingeladen. Das war der Start meiner professionellen Karriere.

Standard: Mit dem finnischen Kuopio Symphony Orchestra gastieren Sie am 12. Juli beim Carinthischen Sommer; mit dem Borusan Istanbul Philharmonic Orchestra (Bipo) spielen Sie am 25. Juli beim Eröffnungsfest der Salzburger Festspiele. Jetzt dirigieren Sie das Volksopernorchester für "Die Entführung aus dem Serail". Wie unterschiedlich sind diese Klangkörper?

Goetzel: Das Bipo ist ein großes Orchester mit 120 Musikern. Wenn man da einen Einsatz gibt, fühlt sich das an wie ein Vulkan, der explodiert. Die sich selbst organisierende Chaostheorie kommt da viel mehr zum Tragen als bei kleineren Orchestern. Beim Volksopernorchester oder bei den Finnen wird grundsätzlich kammermusikalischer gespielt. In Finnland ist der Klangstil von den Holzbläsern bis zu den Streichern viel rauer. Wer je einen Winter in Finnland verbracht hat, weiß auch, warum. Das Volksopernorchester steht demgegenüber in der Tradition des Wiener Klangstils.

Standard: Wie klingt er?

Goetzel: Es ist eine besondere Art der Streicher, mit dem Bogen umzugehen, einen Klang zu formen, der im internationalen Vergleich besonders weich ist. Auch bei den Bläsern ist das ein spezielles miteinander Atmen und aufeinander Eingehen. Das ist eine wichtige Aufgabe bei den Proben: dass man als Dirigent die Seele, den Atem des Orchesters kennenlernt.

Standard: Was ist der Dirigent für das Orchester? Das Hirn?

Goetzel: Nein. Das Gehirn kontrolliert nur einen geringen Teil unseres Daseins, das Meiste ist unbewusst. Wenn ich dirigiere, was ich denke, dann bedeutet das eine Intellektualisierung der Musik. Man muss die Gedanken ausschalten, völlig im Hier und Jetzt sein. Das ist fast eine außerkörperliche Erfahrung.

Standard: Wenn nicht das Hirn: Sind Sie das Herz des Orchesters?

Goetzel: Das ist ein wunderschöner Gedanke. Aber ich möchte dem Orchester diese Aufgabe nicht wegnehmen. Wenn das Herz nicht im Orchester schlägt, kann sich nichts auf das Publikum übertragen. Ich betrachte die Zusammenarbeit zwischen Dirigent und Orchester als eine Art Symbiose und sage den Musikern immer: "Beim Musizieren gibt es kein ich, da gibt es nur ein Wir." Man sollte als Dirigent für das Orchester immer spürbar und ganz verletzlich sein. Wie eine Babyhaut.

Standard: Was ist das Besondere an Ihrer Arbeit als künstlerischer Leiter des Bipo? Was sind Ihre Visionen?

Goetzel: Was gibt es für einen Dirigenten Schöneres, als Klang, Charakter und Interpretation formen zu können mit einem Top-Orchester? Ich kann in Istanbul eine Orchester- und Spielkulturtradition aufbauen, also etwas, das bleibend sein wird. Wenn wir zurückschauen. so haben das alle großen Musikdirektoren Anfang des 20. Jahrhunderts gemacht. Meine Vision ist die Annäherung des Bipo über zehn, 15 Jahre an die Weltspitze. Mit unserer Debüt-CD haben wir den ersten wichtigen Schritt geschafft.

Standard: Sie betonen immer die motivische Arbeit an einem Werk. Wie sah die bei der "Entführung" aus?

Gotzel: Das beginnt im großen Rahmen bei der Tonarten-Symbolik und geht hin bis zu kleinstem motivischem Material, das wir versucht haben, genau herauszuarbeiten. Die Partitur war während des letzten Jahres auf allen fünf Kontinenten mit mir, sie ist voller Anmerkungen und Notizen. Man ist unentwegt auf der Suche nach Neuem. Das Publikum spürt, ob etwas einfach nur hochglanzpoliert dargestellt wird. Das klingt vielleicht vordergründig schön. Doch die Vielschichtigkeiten, die Tiefen und musikalischen Klammern fehlen. Am gefährlichsten ist die Reproduktion: Wenn jemand einen Klang, den er bei jemand anderem gehört hat, wiederholt. Aber das ist leer. Wir haben versucht, eine spannende Entführung zu erarbeiten, die hoffentlich neue Blickwinkel eröffnet. Eine Entführung ohne Klischees. (DER STANDARD, Printausgabe, 11.6.2010)

 

  • Der 39-jährige Sascha Goetzel ist Chefdirigent des Kuopio Symphony Orchestra in Finnland und des Borusan Istanbul Philharmonic Orchestra.
    foto: goetzel

    Der 39-jährige Sascha Goetzel ist Chefdirigent des Kuopio Symphony Orchestra in Finnland und des Borusan Istanbul Philharmonic Orchestra.

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