Wo Voggenhuber irrt

10. Juni 2010, 18:16
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Erwiderung auf die Grünen-Schelte des ehemaligen EU-Parlamentariers - Von Johannes Rauch

Johannes Voggenhuber war ein verdienstvoller Grünpolitiker und hat sich weit über die Par-teigrenzen hinweg Respekt verschafft. Seine Leistungen als Europapolitiker sind unumstritten, ganz im Gegensatz zu seinem unwürdigen Abgang. Daniel Cohn-Bendit, großer grüner Wahlsieger in Frankreich, hat übrigens dazu gemeint: Voggenhuber habe zwar "einen unmöglichen Charakter" , sei aber "ein fast unverzichtbares Mitglied der europäischen Grünen." "Die Verantwortung für diese Fehlentscheidung lastet auf mehreren Schultern, nicht nur auf denen der österreichischen Grünen." Ich finde, Daniel Cohn-Bendit weiß, wovon er spricht.

Voggenhubers immer wiederkehrende gleichlautende Kritik an der Partei - "hermetische Führungsclique, die Machterhalt betreibt" (Standard, 8. 6.) - stellt sich bei näherem Hinsehen allerdings eher als Legendenbildung dar: Von der von ihm seit Jahren gescholtenen "Führungsclique" sind genau noch zwei Personen übrig, nämlich Eva Glawischnig und sein Freund Peter Pilz. Alexander van der Bellen (Bundessprecher): zurückgetreten. Madeleine Petrovic (stv. Bundessprecherin): nicht mehr kandidiert. Michaela Sburny (Bundesgeschäftsführerin): ausgeschieden. Lothar Lockl (Kommunikationschef): ausgeschieden. - Ergo: nahezu die gesamte Führungsriege ausgetauscht. Eva Glawischnig ist seit 15 Monaten Bundessprecherin, Stefan Wallner seit fünf Monaten Bundesgeschäftsführer, Werner Kogler seit knapp einem Jahr stv.Bundessprecher.

Dass sich ein paar Dinge bei den Grünen ändern müssen ist dieser Führung so klar wie die Tatsache, dass sich das nicht von heute auf morgen bewerkstelligen lässt. Zum Beispiel verstärkt ins Zentrum zu rücken, dass die Erhaltung der Lebensgrundlagen, der Ausstieg aus Öl und Gas, die Bändigung der Weltklimakrise, letztlich die Beendigung des Irrglaubens, Wachstum lasse sich trotz endlicher Ressourcen endlos fortsetzen, unabdingbar ist. Dass es die Grünen sind, die von der letzten Gemeindestube bis zum EU-Parlament die Knochenarbeit dafür leisten, damit irgendwann auch Österreich kapiert: Die neuen Jobs sind grün und wachsen nicht auf den Finanzmärkten.

Ausbau und Aufbau grüner Gruppen: Ohne sie ist nicht an den Mann und die Frau zu bringen, wofür die Grünen kämpfen, ist keine Wahl zu gewinnen. Eine "Schwäche in der Fläche" kann sich keine Partei leisten, schon gar nicht die Grünen. Warnende Beispiele: Liberales Forum und BZÖ.

Es ist das Recht von Johannes Voggenhuber, sich nicht mehr dafür interessieren zu müssen, was alles an Reformen und Erneuerungen bereits eingeleitet ist. Bevor er aber den Stab über Eva Glawischnig bricht, die den Übergang von der 11-jährigen Van-der-Bellen-Ära in eine neue Zeit schaffen muss, sei zumindest eines für sie reklamiert: eine faire Chance, sich zu beweisen. (Johannes Rauch/DER STANDARD Printausgabe, 11.6.2010)

Johannes Rauch ist Landessprecher der Grünen in Vorarlberg und Miglied des Bundesvorstands seiner Fraktion.

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