Streit um Ausweich­quartier für Junkies

9. Juni 2010, 19:24
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Auf der künftigen Karlsplatz-Baustelle fehle der Platz für die Süchtigen - Wiener SP bemüht sich um offene Drogenszene - Für die FP bleibt sie Wahlkampfthema

Wien - Wie eine Großbaustelle wirkt die Karlsplatz-Passage derzeit noch nicht. Zwischen McDonald's und Starbucks hängen ein paar neue Info-Plakate zum geplanten Umbau, sonst sieht der Untergrund zwischen Oper und Secession aber aus wie immer.

Junkies fehlen seit kurzem

Bis auf die Junkies. Die fehlen seit kurzem. Im Zuge der Sanierung der Passage wollen Innenministerin und Stadt Wien den Karlsplatz auch gleich drogenfrei machen. Seit Anfang Juni marschieren ganztägig Polizisten im Vierer- und Fünfertrupp durch die Gänge, sprechen jeden an, der sich länger als unbedingt nötig im finsteren Durchgang aufhält und lassen sich Ausweise zeigen.

Notschlafstelle und provisorischer Ganslwirt

Auf der künftigen Baustelle fehle schlichtweg der Platz für die Süchtigen, so die Begründung. Mit der Wien-Wahl im Oktober habe die plötzlichen Räumung des Karlsplatzes nichts zu tun, beteuert die rote Stadtregierung. Man müsse eben rechtzeitig auf die veränderte Situation reagieren, sagt Gesundheitsstadträtin Sonja Wehsely (SP), auch mit neuen Betreuungsangeboten. Diese soll es bald am Wiedner Gürtel Nummer 16 geben. Dort sperrt nämlich die provisorische Dependance des Ganslwirts auf. Die Notschlafstelle des TaBeNo (Tageszentrum, Betreuung, Notschlafstelle) ist bereits seit April offen, demnächst sollen zu den 14 Schlafplätzen 150 Tagesbetreuungsplätze kommen.

"Das ist doch der Gipfel der Frechheit", sagt FP-Bezirksrat Johann Gudenus. Der Vierte sei mit Südtiroler Platz, Kettenbrückengasse und Karlsplatz drogenmäßig ohnehin schon genug belastet; dass man jetzt im zweitkleinsten Bezirk der Stadt auch noch ein neues Betreuungszentrum aufsperre, sei inakzeptabel.

FPÖ Wieden:  Ganslwirt in Mariahilf soll schneller fertig werden

Die FPÖ Wieden will am Donnerstag, in der Bezirksvertretungssitzung einen Antrag zur Absiedelung des TaBeNo einbringen. Mit der Frage, wohin die Einrichtung umziehen soll, hält sich die blaue Bezirkstruppe dabei nicht lange auf. "Ins nicht so dicht besiedelte Gebiet", schlägt Gudenus vor. Parteikollege Georg Walterskirchen kann sich allerdings auch den ebenfalls nicht gerade dünn besiedelten, rot regierten sechsten Bezirk als Standort vorstellen. "Der neue Ganslwirt müsste einfach schneller fertig werden", sagt er. Wiens bekannteste Drogeneinrichtung in der Gumpendorfer Straße soll bis Mitte 2011 an den Gumpendorfer Gürtel übersiedeln. Dann wird laut Gesundheitsstadträtin die Zweigstelle im Vierten wieder zusperren.

Platz beim Hauptbahnhof bald zu wertvoll 

Glücklich ist auch die schwarze Wiedner Vorsteherin Susanne Reichard mit der neuen sozialen Einrichtung in ihrem Bezirk nicht. "Mir wäre natürlich auch lieber gewesen, wenn es einen Nachbarbezirk getroffen hätte", sagt sie. Die Entscheidung sei über ihren Kopf hinweg getroffen worden, sich jetzt noch dagegen zu wehren, habe wenig Sinn. Bezüglich der Standortwahl im VP-regierten Bezirk wolle sie der SP aber keine Bösartigkeit unterstellen.

Nicht denkbar sei ein dauerhaftes Provisorium im Vierten. "In eineinhalb Jahren ist das TaBeNo wieder weg, sonst wird es einen Aufschrei von mir geben." Bis dahin werde das Grundstück gegenüber dem neuen Hauptbahnhof aber ohnehin so wertvoll sein, dass die Einrichtung dort wegmüsse, hofft die Bezirkschefin. (Martina Stemmer, DER STANDARD Printausgabe 10.6.2010

  • In der Karlsplatz-Passage patrouilliert die Polizei derzeit täglich in Vierer- und Fünfertrupps: Weil der U-Bahn-Knotenpunkt bald zur Großbaustelle wird, muss die Drogenszene weg
    foto: standard/matthias cremer

    In der Karlsplatz-Passage patrouilliert die Polizei derzeit täglich in Vierer- und Fünfertrupps: Weil der U-Bahn-Knotenpunkt bald zur Großbaustelle wird, muss die Drogenszene weg

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