Rundschau: Mutter Erde auf Schienen

    3. Juli 2010, 11:00
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    Neue Bücher unter anderem von Iain Banks, Neil Gaiman, r.evolver, Jay Lake und Christopher Priest

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    coverfoto: evolver

    r.evolver: "The Nazi Island Mystery"

    Broschiert, 140 Seiten, € 8,90, Evolver Books 2010.

    Knackiger Arsch, wenn auch ein bisschen groß; feste Titten, wenn auch ein bisschen klein; große Brustwarzen, wenn auch ein bisschen unempfindlich - so beschreibt sich Kay Blanchard selbst, ihres Zeichens Spezialagentin des britischen MI6. Der Wiener Autor Robert Draxler alias r.evolver huldigt damit einem Typus, für den Peter O'Donnells Schöpfung Modesty Blaise zum Vorbild, ja beinahe schon zur Genrebezeichnung wurde: Trashig fortgesetzt in einer ganzen Reihe sex- und kampflüsterner Heroinnen der 60er und 70er Jahre, die der Lizenz zum Töten unter anderem mit messerscharfen Stilettos und Dildos mit eingebautem Pistolenlauf nachkamen. Das weckt  - vom Inhalt wie vom Format her - heftig nostalgische Erinnerungen an diverse Taschenbüchlein, die ich mal in der Wühlkiste aus den wilden Jahren meines Vaters gefunden habe (soll heißen: der Zeit, bevor Mama kam ... und nach einem für alle Beteiligten überraschend kurzen Intervall ich). Alle in "The Nazi Island Mystery" vorkommenden Frauen eint jedenfalls zumindest eine Eigenschaft: Sie loten vollbusig die Spannkraft von Leder, Latex und Lycra bis zum Letzten aus.

    Die 60er und 70er bilden auch den eigentlichen Referenzrahmen des Romans, selbst wenn er in der nahen Zukunft spielt - abzulesen beispielsweise an den sonder Zahl enthaltenen Anspielungen auf die damalige Pop-Kultur. Dass man die Exploitation-Kultur von anno dunnemals nicht ehren kann, indem man sie 1:1 nachahmt, ist dem Autor aber klar. Alleine schon die diversen außerirdischen Einwirkungen mischen den klassischen Agent-versus-Nazi-Wissenschafter-Plot einigermaßen auf - aktuellen Bizarro-Einschlag erhält der Roman aber spätestens, wenn Kay das neuentstandene Vierte Reich betritt, in dem gerade das Festival der Weltgeschichte tobt: Ein surreales Gebrodel von Hunnen, Cowboys und rückgezüchteten Galionsfiguren der Linken, die zur Erbauung des Volkstums in einen Zoo gestopft werden sollen ... Hitlerland heißt es im Vorwort treffend. Soll aber keiner glauben, Draxlers Phantasmen wären völlig von der Realität losgelöst, denn die Steigerung von Themenpark heißt immer noch Weltausstellung. Hannover im Jahr 2000: Zwischen einem albanischen Geschützbunker und einem ominösen Loch im Boden, in das Freiwillige hinabtauchen durften, sammelte sich die samstägliche Weltausstellungsparade - gespeist offenbar aus allem, was gerade auf dem Gelände zusammengetrommelt werden konnte. Da zogen in direkter Folge an mir vorbei: Die spanische Krawalltheatertruppe La Fura dels Baus (komplett mit Stelzenläufern und Flammenwerfern), ein wie von der Straße wegengagierter Leierkastenmann, ein offener Truck voller Nonnen, die sich gegenseitig auspeitschten, und freundliche Weltausstellungsmitarbeiterinnen, die Luftballons verteilten. It's art, baby.

    "The Nazi Island Mystery" ist auch von seiner Entstehung her ein Brückenschlag zwischen Vergangenheit und Gegenwart: Vor zehn Jahren als Fortsetzungsroman in der Netzzeitschrift EVOLVER erstmals publiziert, erscheint er nun auch in gedruckter Form - ein (Rück-)Weg, den schon einige in dieser Rubrik vorgestellte Bücher absolviert haben. - Am schönsten fließen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft aber vielleicht dann ineinander, wenn Kay Blanchard einer peitschenknallenden Nazi-Wissenschafterin in deren Geheimlabor folgt, vor dem ein Schild "Eintritt nur für MitarbeiterInnen der Stein Laborbetriebe GmbH!" verkündet. - "MitarbeiterInnen mit großem I", stellte ich überrascht fest. Inge Steins Seufzen klang fast ein bisschen wehmütig. "Gönnen Sie mir doch diesen zarten Hauch von Nostalgie."

    Zur Handlung: Ehe die letzte Botschaft eines MI6-Mitarbeiters Kay zu einer Adria-Insel führt, auf der die SS-Burg besagter Herrenmenschin steht, geht es erst mal in ein Wien, in dem irgendwie jeder wie irgendwer anderer aussieht. Da steigt schon mal Django (samt Sarg) in den Fahrstuhl ein oder bewegt sich ein Sammy Davis junior-Lookalike unbehelligt durchs arische Vierte Reich. Faszinierenderweise haben dergleichen Absurditäten aber (abgesehen von der Zitate-Show) ihren Grund - zumindest dergestalt, dass sie nicht willkürlich eingestreut und dann vergessen werden: Keine blinden Motive auszumachen, der Autor hält was von Handwerksehre! Kays Handwerk indes ist das Kämpfen und Töten, und da stellt sich ihr auch so einiges entgegen: Von Karate-Girls über Monsterschleim und Killerkraken, kommunistische Werwölfe (aus dem Weltraum), imperialistische Zorrozwerge auf Rollschuhen (ebenfalls aus dem Weltraum, ein Stück mehr zur Seite) bis zum Gröfaz höchstselbst.

    Wo die Gewalt blüht, will sich der Sex natürlich auch nicht lumpen lassen, und wenn Kay auch noch ihre bunten Pillen einwirft, mutiert das Ganze endgültig zu einem "Cthulhu Meets The Lesbian Spanking Inferno"-Szenario. - Klar, dass das nicht endlos so dahingehen kann und sich auch Kays Schlampenschmäh irgendwann einmal abnutzen muss. Zumal sie als Figur, von der alles abprallt, auch nicht wirklich eine Entwicklung durchmachen kann, die einen großen Handlungsbogen gewährleisten würde. Aber da kommt einmal mehr die den literarischen Vorbildern entsprechende Kürze des Romans ins Spiel, die nicht nur nostalgisch, sondern auch für den Inhalt maßgeschneidert ist.

    Vor einiger Zeit wurde hier Warren Ellis' "Gott schütze Amerika" vorgestellt, das ebenfalls ein Kaleidoskop der Abseitigkeiten in Gang setzt. Während Ellis' Roman allerdings auf eine überraschend biedere Botschaft hinausläuft, ist "The Nazi Island Mystery" nicht moralischer als ein Spaghetti-Western. Womit einmal mehr auf die 60er verwiesen ist. - Kids von heute würden Draxlers Roman vielleicht als die "Drawn Together"-Variante von James Bond beschreiben, aber die kannst du ja sowieso mit nix mehr schocken.

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