Der eklektische Wechselgesang

20. April 2003, 14:53
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Dave Brubecks Oratorium im Konzerthaus

Wien - Es wäre ja ein ganz nettes Werk gewesen. Zwar mittels Versatzstücken aus 250 Jahren Musikgeschichte zwischen Bachscher Kontrapunktik und Ligetischen Clusterflächen zusammengestoppelt und bar einer eigenen kompositorischen Handschrift; zwar wegen (vermutlich) unzureichender Probenzeit längst nicht so kompakt und in einem Guss dargeboten, wie es Russell Gloyds schnittige Dirigentengesten hätten suggerieren sollen:

Dennoch, Beloved Son, Dave Brubecks Oster-Oratorium, das im Rahmen des Osterklang-Festivals im Konzerthaus unter Zusammenwirken von Alan Opie (Bariton), Christa Ratzenböck (Mezzosopran), des Concentus Vocalis und des Kinderchors des Wiener Musikgymnasiums, des Orchesters der Vereinigten Bühnen Wiens sowie des Brubeck-Quartetts seine österreichische Erstaufführung erlebte, entbehrte trotz allem nicht einer gewissen effektvoll inszenierten Direktheit.

Ein harmonisch komplexer, vokaler Breitwandsound mit gelegentlichen Improvisationseinlagen, dessen simple Faktur zwar nicht die Textverständlichkeit erhöhte, aber zumindest gewisse Kurzweil bot. Ja, es wäre ein ganz annehmbares Stück gewesen. Wäre nicht gegen Ende, im dritten, der Auferstehung Jesu gewidmeten Passionsbild, etwas passiert, das man von einer Band 14-Jähriger im letzten Probenkeller einer Musikschule hinter den sieben Bergen erwarten würde. Nicht aber von Dave Brubeck, der sich bei aller Tendenz zum Trivialen und zum Publikumsfreundlichen doch immer eine gewisse Originalität bewahrt hat.

Am Ende von Beloved Son gefiel sich der alte Herr darin, den Großen Konzerthaussaal unvermutet in eine Gospelkirche zu verwandeln, mit aufgesetzter Pose (und schlechtem Timing) in souligen Wechselgesängen Jesus schunkelnd in den Himmel zu beamen. Das war schlimm.

So schlimm, dass sogar das Solo im unvermeidlichen Paul-Desmond-Stück Take Five, das Brubeck vor der Pause mit einer Hand voll weiteren altbekannten Hits in vorauseilendem Publikumsgehorsam ablieferte und in dem er sperrig dissonante Akkordbrocken ungerührt gegen den Strich des berühmtesten 5/4-Metrums des Jazz bürstete, dagegen Labsal war. Brubeck in allen Ehren: Gerade für den Beloved Son hätte er mehr Stil zeigen können. (DER STANDARD, Printausgabe vom 19./20.4.2003)

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