Zitterpartie um Wiener Werk

17. April 2003, 19:44
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Zwangspause verlängert - Arbeiter warten weiter auf März-Lohn - Entscheidung über weitere Zukunft bis 28. April

Wien/Nürnberg - Das Zittern für die 850 Mitarbeiter im Wiener Werk des zahlungsunfähigen deutschen Grundig-Konzerns geht weiter. Nach einem Gipfel mit dem deutschen Konzerneigentümer Anton Kathrein, dem Grundig Austria-Vorstand, Wiens Finanzstadtrat Sepp Rieder (S) sowie Vertretern von Banken, Gewerkschaft und Arbeiterkammer, scheint die Zukunft des Werks ungewisser den je. Der vorübergehende Produktiosstopp wurde vorerst um eine Woche verlängert. Ob die Mitarbeiter am 28. April ihre Arbeit wieder aufnehmen können, ist offen. Am Dienstag nach Ostern soll in einer Betriebsversammlung über die weitere Vorgehensweise informiert werden.

Finanzierung unklar

Voraussetzung dafür, dass es in Wien weitergehe, sei eine Produktion von mindestes 70.000 TV-Geräten im Monat. Derzeit sei jedoch noch nicht klar, ob der insolvente deutsche Grundig-Konzern den dafür notwendigen Materialeinkauf finanzieren könne, hieß es aus der Metallergewerkschaft am Donnerstagnachmittag nach den Verhandlungen zur APA.

Laut Gewerkschaft ist Grundig Austria "an und für sich bereits jetzt zahlungsunfähig". "Für den Fall einer Insolvenz werden jetzt schon die Vorbereitungen getroffen, damit danach die ausständigen Löhne so rasch wie möglich ausbezahlt werden können", hieß es aus der Arbeiterkammer am Donnerstag.

Insolvenz wahrscheinlich unvermeidbar

Die Gläubigerschutzverbände betrachten eine Insolvenz des Wiener Grundig-Werks als voraussichtlich unvermeidbar. Ein Insolvenzantrag des Unternehmens wird laut Verhandlungsteilnehmern aber erst Ende April/Anfang Mai erwartet. Die 400 Wiener Arbeiter warten damit weiter auf die noch nicht ausbezahlten März-Löhne. Nicht ausständig sind die Gehälter der rund 350 Angestellten, allerdings werden auch für sie mit 30. April die nächsten Zahlungen fällig. Sollte es zu einer Insolvenz kommen, würde der Insolvenzausfallsfonds einspringen. Laut Gewerkschaft könnten die Löhne und Gehälter dann binnen einer Woche ausbezahlt werden.

Die Chancen für eine Wiederaufnahme der Wiener Produktion stehen nach Ansicht der Gewerkschaft nicht schlecht. Bei den Besprechungen am Donnerstag wurde ein möglicher Plan vorgelegt, wie es mit Wien weitergehen könnte. Demnach könnte die Produktion vorerst unter Führung des deutschen Konzerns weiter laufen, zumal "ohne Produktion Grundig zusperren kann, weil dann in den nächsten Monaten nichts mehr zum Verkaufen da wäre." Auch der angepeilte Verkauf des deutschen Konzerns aus der Insolvenz heraus würde dann zu scheitern drohen, meint ein Gewerkschafter.

Vertriebstöchter sollen vorfinanzieren

Aus diesem Grund wird derzeit überlegt, dass noch nicht insolvente Vertriebstöchter zumindest Teile des für Wien notwendigen Materials vorfinanzieren. Auch mit dem deutschen Insolvenzverwalter Siegfried Beck wird nach APA-Informationen verhandelt, "um einen Schaden für die Marke durch einen Produktionsstopp in Wien" zu vermeiden. Eine Zwischenfinanzierung durch die Bank Austria Creditanstalt hingegen gilt als unwahrscheinlich, zumal die Verbindlichkeiten von Grundig Österreich bei den Banken schon jetzt 71 Mio. Euro betragen.

Ob und wie die Materialbeschaffung finanziert werden kann, soll bis Dienstag entschieden sein. Wird das Geld nicht aufgestellt, ist "die Insolvenz fix", heißt es. Kann weiter produziert werden, soll bis Ende nächster Woche feststehen, ob Grundig Austria Insolvenz anmelden wird und wie es mit dem Wiener Standort weitergeht.

Beko für neue Vorschläge offen

Wird der gesamte Grundig-Konzern dann - möglicherweise an die türkische Beko-Gruppe - verkauft, soll dem Plan zufolge auch der neue Eigentümer das Wiener Werk vorübergehend weiterführen, schon alleine um die Liefervereinbarungen von Grundig erfüllen zu können. In dieser Zeit - etwa eineinhalb bis zwei Jahre - soll für Wien separat ein neuer Eigentümer gefunden werden, heißt es aus der Gewerkschaft.

Beko Elektronik zeigt sich unterdessen für neue Vorschläge zur Übernahme des zahlungsunfähigen Grundig-Konzerns offen. Nach dem Insolvenzantrag des Konzerns habe sich die Lage geändert, sagte Beko-Generaldirektor Ali H. Sümerval am Donnerstag laut einem Bericht der deutschen Nachrichtenagentur dpa bei der Hauptversammlung des Unternehmens in Istanbul.

Drei potenzielle Käufer

Im Wiener Grundig Werk sind im vergangenen Jahr 2002 1,3 Mio. Fernsehgeräte vom Band gelaufen. Rund 80 Prozent aller Grundig-TV-Geräte stammten damit aus Wien. Dennoch war das Werk im Vorjahr nur zu 50 bis 60 Prozent ausgelastet. Der Umsatz von Grundig Austria ist im Vorjahr von 478,45 auf 434,27 Mio. Euro geschrumpft. Die gesamten Verbindlichkeiten werden, wie berichtet, auf 90 Mio. Euro geschätzt.

Derzeit haben die Wiener noch einen Beko-Auftrag über 850.000 Flachbildschirme. Ansonsten gibt es laut Konzern derzeit drei potenzielle Käufer für das Wiener Werk. Sie hätten das Interesse, mit einem Teil der Werks-Kapazität Lohnaufträge für Beko zu erledigen, einen anderen Teil der Fabrik wollten sie zur Herstellung eigener Produkte nutzen. (APA)

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