Der Traum von der teilweisen Freiheit

16. April 2003, 16:50
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Mit Studien und Vergleichsmodellen zu einer Neuordnung der Wiener Theaterszene

Wien - Die vom Kulturamt in Auftrag gegebene Studie zur Neuordnung der freien Theaterszene erblickt mit Ende des Monats April das Licht der Öffentlichkeit. Die mit der Entwicklung eines "neuen Förderungsverfahrens" betrauten Autoren Anna Thier, Günter Lackenbucher und Uwe Mattheiß dürften mit ihren Vorschlägen mehr als nur einen Hauch von Reformfreude in Wiens traulicher Theaterlandschaft verbreiten: Kein Stein soll in der freien Szene auf dem anderen bleiben.

Reduzierten sich bisherige Planspiele überwiegend auf die Frage, ob althergebrachte Mitbestimmungsverfahren wie das ehrwürdige Beiratssystem einem Kuratorenmodell weichen sollen, arbeiten die Studienautoren gleich an der gänzlichen Neubewertung überkommener Förderkategorien. Und: Die Kuratoren spielen plötzlich keine Rolle mehr. Mit Blick auf die Subventionsgebarung in Städten wie Zürich oder Berlin sollen dafür insbesondere Projektförderungen eine ungeahnte, bislang nicht gekannte Aufwertung erfahren.

So laufen Projektförderungen in Berlin über Zeiträume von vier Jahren: Die Stadt verpflichtet sich vertraglich zur Subventionsleistung, verlangt aber im Gegenzug von den für förderungswürdig erkannten Produzenten alle Vierteljahre einen Bericht über die reale Kostenentwicklung. Womöglich, so Autor Mattheiß, ein nachahmungswürdiges Modell. Der Vergleich mit anderen Städten und Kulturlandstrichen wie Flandern mache zudem sicher: Der zauberhafte Begriff "Evaluierung", ein hässliches Lehnwort aus der Sphäre der Ökonomie, sollte die beteiligten Theaterproduzenten strikte einbinden.

Zwischenprüfungen garantieren die Sicherstellung sozialer Standards. Schlugen sich Geldmängel bisher vornehmlich in den Geldbörsen der zur Selbstausbeutung gezwungenen Kulturschaffenden nieder, soll die Einhaltung von Kollektivvertragssätzen zur noblen Verpflichtung werden.

Auch die gebetsmühlenartige Ermahnung hochmögender Förderer, die lieben Theatermacher sollten sich gefälligst nach Sponsoren umschauen, stößt bei den Studienautoren auf wenig Verständnis: Weder handle es sich bei der Herstellung theatralischer Kunstwerke um eine biedere Handwerksarbeit wie Brezelbacken - noch könne die aufwändige Lukrierung "externer" Gelder den Vereinszweck einer freien Gruppe ausmachen.

Traum von Autonomie

Als Orientierungspunkt am Horizont erscheint jedenfalls der Traum selbst bestimmter Theaterarbeit: Eine ernsthafte Form der Projektförderung, die nicht bloß Mangel verteilt, sondern künstlerische Wertungen vornimmt, soll ihrerseits "Qualifizierungsinstanzen" schaffen helfen. Vom Kuratorenmodell ist man mittlerweile wieder abgerückt: Die Schaffung neuer "Intendanten-Diktatoren" bedeute in letzter Konsequenz lediglich die Fortschreibung hoheitlicher Vergabeprozeduren.

Was immer die Studie schließlich auflistet: Die Schaffung "autonomer Teilöffentlichkeiten" steht als Ziel im Hintergrund. Schwer denkbar auch, dass eine erhöhte Beweglichkeit in der "freien Szene" vor den Wiener Mittelbühnen, den traditionsreichen Kleintankern mit ihren in Ehren ergrauten Prinzipalen und deren unkündbaren Hauptmietverträgen, Halt machen wird. Es wird dann an Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny (SP) liegen, welche Ideen er tatsächlich zu Maximen kulturpolitischen Handelns erhebt. (DER STANDARD, Printausgabe, 17.4.2003)

Von Ronald Pohl
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