Internet als "Schweizer Taschenmesser" der Kommunikation

9. Juni 2010, 12:28
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Risiken, Potentiale und die richtigen Verhaltensweisen für Unternehmen im Umgang mit ihren Kunden im Web 2.0 standen im Fokus

"Ende Mai waren über zwei Millionen Österreicher auf Facebook, das sind 600.000 mehr als noch zu Jahresbeginn. Mit Ausnahme des ORF mit Radio und Fernsehen und der Kronen Zeitung erreicht kein Medium in Österreich so viele Menschen", leitete Moderator Armin Wolf den diesjährigen PR-Tag ein, zu dem der Public Relations Verband Austria (PRVA) in Wien geladen hatte.

Damit leitete Wolf zum Thema über, ob PR ohne klassische Medien schon oder überhaupt möglich ist und auch funktioniert. Facebook und der Kurznachrichtendienst Twitter standen dabei als Alternativen zu den klassischen Medien im Fokus der Diskussion. Dabei wurden die Potentiale, Hindernisse und Gefahren für Politik, Unternehmen und Medien erörtert, die auftreten können, wenn sie sich dieser Dienste bedienen, um mit potentiellen Kunden, Wählern und Lesern - sprich Menschen zu kommunizieren.

Erfolg in der Kommunikation nicht größenabhängig

Ossi Urchs, Internetberater der F.F.T.-Medienagentur und Hauptredner der Veranstaltung, ist der Meinung, dass PR sehr wohl ohne klassische Medien funktioniert und aufgrund der Netzwerkeffekte, die sich im Internet ergeben, auch nicht mehr von der Größe des Unternehmens abhängig ist. Er sieht im Paradigmenwechsel in der Kommunikation nicht nur einen Trend, dem es hinterher zu rennen gilt. "Was wir verstehen müssen ist, dass das Internet all unsere Lebensbereiche erfasst und unseren  Alltag schon fundamental verändert hat. Web 2.0 ist im Wesentlichen ein neues Lebensgefühl."

Internet als Universalmedium

Durch die Digitalisierung und den damit verbundenen Preisverfall in der Medienproduktion und Distribution führe für Unternehmen kein Weg mehr an digitalen Medien vorbei, da die Beziehungen von Benutzern und Produzenten von Inhalten immer direkter würden. "Das Internet wird immer mehr zu einem Universalmedium. Es ist nicht mehr nur ein Massenmedium wie wir das von früher kannten, sondern wird zum Schweizer Messer der Kommunikation", so Urchs.

Zuhören statt nur senden

Er plädierte dafür, dass Unternehmen lernen, sich selbst aus der Sicht des Kunden zu sehen, da sich diese noch mehr als zuvor zum integralen Bestandteil des Geschäftsmodells entwickeln würden. Den über 200 anwesenden PR- und Social-Media-Fachkräften legte er nahe, die gelernten Marketingphrasen zu vergessen und wieder lernen, mit "menschlicher Sprache" zu kommunizieren und vor allem wieder lernen, den Kunden zuzuhören. "Denn die Einbahnstraßen der Kommunikation tragen uns nicht mehr."

Dass offenbar großer Nachholbedarf für Unternehmen gegeben ist, um den Kunden auf Augenhöhe zu begegnen, zeigte sich in der Abschlussdiskussion: Auf die Frage von Armin Wolf, ob es in Österreich ein Unternehmen gibt, von dem man sich die erfolgreiche Kommunikation mit den Kunden im Web 2.0 abschauen könne, gab es nur betretenes Schweigen vom Podium, das mit Urchs und den Leitern von vier Gruppen besetzt war, die zuvor in kleinerem Rahmen unterschiedliche Themengebiete der PR diskutiert hatten.

Zu schnell, zu viel, zu wenig Zeit als Problem

Die erhöhte Geschwindigkeit in der Kommunikation, der zunehmende Druck der Kunden und der damit verbundene Kontrollverlust sowie die fehlenden Budgets - finanzielle wie auch zeitliche - waren die meist genannten Gründe in diesen Gruppen, warum es in der Praxis scheitert, dem Kunden dort zu begegnen, wo er sich offenbar immer öfter aufhält - im Web 2.0. Dabei wurden die Gefahren und Fehler hauptsächlich an Extrembeispielen wie Kryptonite, Jack Wolfskin oder dem aktuellen BP-Öldrama diskutiert. Der größte Fehler sei es aber, die neuen Kommunikationskanäle zu ignorieren, hieß es unisono.

Das sieht auch Martin Bredl, Präsident des PRVA, so: "Wir sind in der Diskussion schon viel weiter als vor zwei Jahren. Vor zwei Jahren hätte jeder diese Kommunikationskanäle lediglich als Ergänzung gesehen. Heute sieht jeder, dass das etwas Neues ist, das unser Leben radikal verändert." (derStandard.at/9.6.2010)

Die PR-Tag-Homepage mit Erläuterungen zu den Workshopgruppen und Podiumsteilnehmern: http://www.prva.at/

Kurznachrichten auf Twitter zum PR-Tag 2010: http://twitter.com/

  • "Wir müssen wieder lernen den Kunden zuzuhören. Die Einbahnstraßen der Kommunikation tragen uns nicht mehr", so Internetberater Ossi Urchs am PR-Tag 2010.
    foto: jana madzigon

    "Wir müssen wieder lernen den Kunden zuzuhören. Die Einbahnstraßen der Kommunikation tragen uns nicht mehr", so Internetberater Ossi Urchs am PR-Tag 2010.

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