Viermal Schweinsteiger - ganz langsam und ganz laut

8. Juni 2010, 19:25
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Zählt man nicht zu den erlauchten 32, und als Österreicher zählt man nicht dazu, ist man eine arme Sau

Das Spiel lautet: Journalisten interviewen Journalisten. Denn die 32 teilnehmenden Nationalteams haben sich abgeschottet, der Informationsfluss stockt. In der Not macht sich der Chilene beim Honduraner schlau, das ist natürlich nur ein beliebig gewähltes Beispiel. Zählt man nicht zu den erlauchten 32, und als Österreicher zählt man nicht dazu, ist man eine arme Sau, die im Abseits sitzt. Keiner fragt einen nur irgendetwas, die eigene Bedeutungslosigkeit wird einem in den großen Pressezentren der WM erst so richtig bewusst. Das Leben kann eine Einbahn sein.

Wie aufwühlend war die EURO 2008! Da haben gleich zwei Kroaten in nur einer halben Stunde wissen wollen, wie torgefährlich Stürmer Roland Linz denn tatsächlich ist. Die Antwort fiel zwar nicht ausufernd aus, aber sie standen trotzdem brav Schlange, die Russen, Spanier, Deutschen. Man hätte Nummern ausgeben können.

In Johannesburg hat nun ein nordkoreanischer Kollege (zählt zu den Erlauchten) dem völlig uninteressanten Österreicher erklärt, er habe den Aufenthalt nur seinem Führer Kim Jong-il zu verdanken. "Ich werde für ihn mein Bestes geben." Man überlegt kurz, ob man in Wahrheit von Werner Faymann nach Südafrika geschickt wurde, wirft den Gedanken aber gleich weg. Josef Pröll würde das nie zulassen.

Aber es gibt Hoffnung. Ein vorbeihuschender brasilianischer Radioreporter identifiziert die Sprache als die deutsche, er hält inne, packt seinen Block und sein Englisch aus. "Können sie mir helfen? Wie betont man Bastian Schweinsteiger richtig?" Und man sagt viermal ganz langsam und ganz laut Bastian Schweinsteiger. Man kommt sich echt nicht sehr gescheit vor. Aber Kollegen müssen zusammenhalten. "Ah, sie sind aus Österreich. Ich frage besser einen Deutschen." (Christian Hackl - DER STANDARD PRINTAUSGABE 9.6. 2010)

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