Das Kohlendioxid, das aus der Tiefe kam

8. Juni 2010, 16:47
1 Posting

Forscher untersuchen CO2-Freisetzungen im Südpolarmeer und ihre Bedeutung für Weltklima und Ende der Eiszeit

44°4.46' Süd, 14°12.47' West: Ein Punkt in den monotonen Weiten des Ozeans, ein paar hundert Seemeilen südwestlich der südatlantischen Gouch-Insel, nahe der Grenze zum Südpolgebiet. Das Meer ist an dieser Stelle 3770 Meter tief, und was sich hier in den vergangenen Jahrtausenden unter der Oberfläche abgespielt hat, könnte für die Entwicklung des Weltklimas von entscheidender Bedeutung gewesen sein.

Rund um Antarktika kreisen heute gewaltige Wassermassen kontinuierlich in westöstlicher Richtung wie ein gigantisches Karussell. Wenn südwärts fließendes Tiefenwasser aus dem Atlantik auf diese Strömung trifft, wird es ziemlich durcheinandergewirbelt, erklärt Luke Skinner von der University of Cambridge dem Standard. Aber das war wohl nicht immer so.

Skinner ist Paläoklimatologe und Mitglied eines internationalen Forschungsteams, welches einen Bohrkern namens MD07-3076 CQ eingehend untersucht hat. Die Probe stammt aus dem Meeresboden an der oben genannten Stelle und enthält unter anderem die Kalkskelette zahlreicher Einzeller - Foraminiferen, die zum Teil am Boden, zum Teil in höheren Wasserschichten lebten. Ihre Überreste haben sich im Bodenschlick abgelagert und gewähren so Einblick in die Umweltveränderungen der letzten 30.000 Jahre.

Die Forschungsgruppe hat den Gehalt des Kohlenstoff-Isotops 14C in den Foraminiferen-Schalen gemessen und dabei einen deutlichen Trend entdeckt: Bis vor etwa 20.000 Jahren lagerten die bodenlebenden Mikroorganismen erstaunlich wenig 14C in ihre Panzer ein. Das Wasser, in dem sie lebten, dürfte demnach schon bis zu 3750 Jahre nicht mehr in Kontakt mit der Atmosphäre gestanden haben, da das Isotop nur in oberen Luftschichten gebildet wird und mit der Zeit zerfällt.

Ab 20.000 Jahre vor unserer Zeit steigt der relative 14C-Gehalt der Schalen an. Offenbar kam es zu einer besseren Durchmischung der Wasserlagen. Dieser Zeitpunkt passt ziemlich genau zum Beginn der Erwärmung am Ende der letzten Eiszeit und zu einer mehrfach dokumentierten Erhöhung der CO2-Konzentration in der Erdatmosphäre. In Foraminiferen-Skeletten fanden sich Hinweise darauf, dass während dieser Phase 14C-armes Altwasser in ihrem Lebensraum anstieg. Die Umwälzungen dürften einen erheblichen Einfluss auf den damaligen Klimawandel gehabt haben, glauben Skinner und seine Kollegen. Ihre Studienergebnisse wurden kürzlich im Wissenschaftsmagazin Science veröffentlicht.

Der Prozess könnte wie folgt stattgefunden haben: Während der Eiszeit erstreckte sich das Küsteneis Antarktikas viel weiter in den Südlichen Ozean hinein als heute. Im Verlauf der Jahrtausende hätte sich das unter einer massiven Eisdecke befindliche Tiefseewasser stetig mit gelöstem CO2 anreichern können. Das Gas stammte wohl aus dem Abbau organischen Materials, das dorthin absank. Bei beginnendem Rückzug des Eises jedoch wäre eine überwiegend durch Wind angetriebene Zirkulation in Gang gekommen. Diese hätte das stark kohlendioxidhaltige Wasser an die Oberfläche gebracht und so die Freisetzung großer Mengen CO2 bewirkt. Der Beginn einer sich selbst verstärkenden Beschleunigung des Treibhauseffekts - und des Endes der Eiszeit. (Kurt de Swaaf/DER STANDARD, Printausgabe, 09.06.2010)

 

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Was sich vor Jahrtausenden unter der Oberfläche des Südpolarmeers abgespielt haben könnte, erforschen Paläoklimatologen.

Share if you care.