Estland und der Euro

8. Juni 2010, 12:07
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Einführung 2007 scheiterte an hoher Inflation , Teuerungsrate könnte auch künftig Probleme schaffen

Tallinn - Das rund 1,3 Millionen Einwohner zählende Estland wird Anfang kommenden Jahres aller Voraussicht nach das 17. Mitglied der Euro-Zone. Die Regierung ín Tallinn schaffte es, mit Hilfe einer strengen Sparpolitik und unter Heranziehung davor gebildeter Reserven, sämtliche Maastricht-Kriterien zu erfüllen und kann nach Meinung der EU-Finanzminister daher den Euro am 1. Jänner 2011 als Landeswährung einführen.

Estland führte seine nationale Währung Krone (Kroon) 1928 ein. Diese verschwand nach dem Zwangsanschluss an die Sowjetunion im Jahr 1940 und wurde durch den Rubel ersetzt. 1992 führte die Regierung des erneut unabhängigen Estland die Krone ein zweites Mal ein. Im Juni 2004 schoss Estland die Krone an den europäischen Wechselkursmechanismus ERM-2 an. Die gemeinsam mit Slowenien für 1. Jänner 2007 angepeilte Einführung des Euro scheiterte an der damals zu hohen Inflation.

Vergangenes Jahr schrumpfte die Wirtschaftsleistung Estlands noch um 14,1 Prozent. Im ersten Quartal 2010 betrug der Rückgang auf Jahresbasis nur noch 2,3 Prozent. Analysten erwarten ab Mitte des Jahres die Rückkehr Estlands zu einem Wirtschaftswachstum.

Top-Priorität

Das Budgetdefizit konnte 2009 auf 1,7 Prozent des BIP gedrückt werden und wird für 2010 im Bereich von 2,4 Prozent erwartet. Die Regierung von Ministerpräsident Andrus Ansip, die sich die Einführung des Euro als wirtschaftspolitische Top-Priorität gesetzt hat, sieht in der kommenden Euro-Einführung einen Erfolg ihrer Politik. Kritiker befürchten jedoch schwerwiegende Folgen vor allem im sozialen Bereich. Die Arbeitslosigkeit stieg zuletzt auf knapp 20 Prozent.

Die OECD kritisierte Anfang Mai in einem Bericht, dass die Leistungen des estnischen Wohlfahrtssystems disproportional stark der reichen Bevölkerung des Landes zugute kommen. Überdies gehört Estland laut dem Report OECD sowieso zu den Schlusslichtern in puncto soziale Unterstützung: Während im OECD-Schnitt 20 Prozent des BIP für soziale Unterstützung ausgegeben werden und in der EU sogar 27 Prozent, sind es in Estland nur 12,5 Prozent.

Die Europäische Zentralbank (EZB) hatte vor kurzem außerdem Bedenken insbesondere hinsichtlich der Nachhaltigkeit der Bekämpfung der Inflation in Estland geäußert. Bedenken, die von den Analysten skandinavischer Banken geteilt werden. Zu Wochenbeginn meldete das estnische Statistikamt eine Jahresinflation von 3 Prozent im Mai. Die Analysten der im Baltikum dominanten skandinavischen Finanzinstitute Danke Bank und Swedbank erwarten für die kommenden Monate einen weiteren Anstieg der Inflation und warnen vor einer erneuten Schuldenkrise in Estland und in den anderen baltischen Ländern. (APA)

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