Neue ÖVP-Stimmen für gemeinsame Schule

7. Juni 2010, 10:37
192 Postings

Ablehnungsfront bekommt Risse: Wirtschaftsbund und OÖ-Landesschulratspräsident tritt offen für Gesamtschule der 10- bis 14-Jährigen

Wien - Der ÖVP-Wirtschaftsbund zeigt Sympathien für eine gemeinsame Schule der 10- bis 14-Jährigen. In den Betrieben gebe es "die klare Forderung" danach, allerdings verbunden mit "klarer Leistungsdifferenzierung", stellte Generalsekretär Peter Haubner angesichts einer Umfrage unter rund 700 Managern fest. Der Wirtschaftsbund werde sich dem "großen Wunsch" der Wirtschaft anschließen und in der ÖVP Druck für ein solches Schulsystem machen, berichtet die "Presse".

Leitl, Karl und Haubner pro "Gesamtschule"

Wirtschaftsbund-Präsident Christoph Leitl hat in seiner Funktion als Wirtschaftskammer-Präsident schon mehrfach für eine gemeinsame Schule plädiert. Der VP-Arbeitnehmerbund ÖAAB sprach sich hingegen in seinem Bildungskonzept für die strikte Trennung von Hauptschule und AHS-Unterstufe aus. Alle ÖVP-Bünde und die Landesparteien sollen bis Herbst ihre Positionen zur künftigen Bildungspolitik abgeben. Wissenschaftsministerin Beatrix Karl (ÖVP) hat sich zuletzt für ein "Gymnasium für alle" bis 14 Jahre ausgesprochen - was in der ÖVP auf einige Kritik stieß. ÖVP-Chef Josef Pröll sprach von einer "persönlichen Meinung" der Ministerin.

Bildungsdefizite bei Lehrlingen

Haubner forderte, das Hauptaugenmerk auf die Ausbildungsbedürfnisse der Jugendlichen - und nicht auf die Interessen der Gewerkschaft - zu legen. Ein neues Schulsystem könnte helfen, die teils massiven Defizite bei Jugendlichen auszumerzen, die eine Lehre machen wollen. Unternehmer würden beklagen, dass es immer weniger Lehrlinge gebe, die Rechtschreibung und Grundrechtenarten auf hohem Niveau beherrschen. "Hat man früher einen von zwei problemlos in die Lehre aufnehmen können, so findet man heute nur noch einen unter zwanzig", merkte er an.

Für OÖ-Landesschulratspräsidenten nun "vorstellbar"

Nach Jahren der Ablehnung kann sich nun auch der oberösterreichische Landesschulratspräsident Fritz Enzenhofer die Einführung einer Gesamtschule "gut vorstellen". Sein Umdenken begründet Enzenhofer im Gespräch mit den "Oberösterreichischen Nachrichten" unter anderem damit, "dass es an der Zeit ist, dass wir eine gewisse Ehrlichkeit in die Diskussion um diese Schulform bringen". So könne sich Enzenhofer, ein ÖVP-Mann, nur eine "echte und aufrichtig gemachte Gesamtschule" vorstellen, die von allen Schülern besucht werden müsste.

Denn Chancengerechtigkeit für jedes Kind sei nur dann gegeben, "wenn alle Schlupflöcher zugemacht und Tricksereien ausgeschlossen werden". Das hieße im Klartext, "dass Privatschulen und AHS-Unterstufen abgeschafft werden müssten, weil sonst Eltern, die genügend Geld oder besonders begabte Kinder haben, diese erst recht wieder in Privatschulen schicken würden". In den größeren oberösterreichischen Städten wie Linz, Wels oder Steyr müssten Hauptschul- und AHS-Standorte zu Großschulen zusammengefasst werden, führte der Präsident aus. (APA)

  • Die von der ÖVP propagierte "Schule bunt" - also dass Kinder schon ab 10 Jahren unterschiedliche Bildungswege einschlagen - wird nun auch vom Wirtschaftsbund offen in Frage gestellt.
    foto: heribert corn

    Die von der ÖVP propagierte "Schule bunt" - also dass Kinder schon ab 10 Jahren unterschiedliche Bildungswege einschlagen - wird nun auch vom Wirtschaftsbund offen in Frage gestellt.

Share if you care.