Au. Rau. Wow. Schlau?

4. Juni 2010, 16:37
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Die Welt ist ein arges Durcheinander, in der nur eine gute Redakteurin oder ein guter Redakteur poetisch Ordnungschafft

Die Welt ist ein Chaos. Aber wir bemühen uns, jeder auf seine Art, in der verwirrenden Vielfalt von Ereignissen Sinnstiftendes, Gemeinsames zu entdecken. Sonst zerfällt alles um uns herum, und wie sitzen wir dann da? Unbequem. Daher ist es gut, wenn eine ordnende Hand eingreift.

Sie serviert uns zum Beispiel die Nachrichten so, dass wir eine Ordnung in ihnen sehen und sagen können: Es ist gut. Etwa die Kollegen vom Sport, die an jedem Montag im Standard die Ereignisse des Wochenendes so ankündigen, dass die jeweiligen ersten Wörter sich neu und gewinnbringend lesen lassen. Dabeisein / Ist / Silber, / Schöner / Ist Gold steht dann da oder Was nützt / Der beste Spruch / Wenn ihn / Keiner Klopft. Manches harrt der Auflösung: Hat / Ein Brieflein / Im Schnabel, anderes spielt mit dem eigenen Tun (Metaebene!): Hier / Steht oft / Ein / Saukomischer Spruch.

Das ist echte Arbeit, doch immerhin nur einmal in der Woche und auf mehrere Kollegen verteilt. Täglich hingegen erreichen uns - wenigstens uns Wiener U-Bahn-Benutzer - noch verwegenere Botschaften. Nicht nur sportliche Leistungen, vielmehr den ganzen bunten Reigen beliebiger Nachrichten aus aller Welt bekommen wir in Heute auf den Seiten 2 und 3 in fünfzeiligen Mikromeldungen vorgesetzt.

Etwa die: Tatjana Patitz wettert gegen Heidi Klum. Hitler spielt auf einem Bild mit Lenin Schach. Damien Hirst schenkt einem Taxler eine Zeichnung. Und Ankerplätze in Capri sind sehr teuer. Die Aufgabe: Stifte durch Anfangswörter ein Band. Die Lösung. Au / Rau / Wow /Schlau?

Solche Lösungen findet die Redakteurin Isabella Martens seit vielen Monaten, Tag für Tag. Wir folgen ihr, und es erschließt sich uns eine ungeahnte Welt der Reimkunst, an der die Dadaisten ihre Freude gehabt hätten.

Boulevardmeldungen haben es ja bis in Opernlibrettos geschafft (4 Gossip Operas von Alexander Kukelka), aber hier erreicht die Verknüpfung von Krimskrams und Poesie unmittelbar die morgendlichen Massen. Aus Faktum / Reichtum / Zieht um / Irrtum können wir bereits ein eigenes kleines Sittenbild zusammenstellen, unabhängig davon, ob Prinzessin Victoria und Aliens die Vorlagen dazu geliefert haben.

Einmal hat Isabella Martens sogar Sartre mal fünf herbeizitiert: Der Idiot der Familie (Prinz Andrew baut einen Unfall) und Das Spiel ist aus (Naomi Campbell wollte ihren 40. Geburtstag nicht erleben) bleiben intakt. Das Sein (Sartres Sargplatte wiederentdeckt) kommt allerdings ohne und das Nichts aus. Die Wörter passen wieder (Joseph Fiennes sucht Namen für Tochter), während aus Der Ekel dann Das Ekel wurde (Indianer will mit Alligatoren ringen - da hätte doch der Ekel auch gepasst?).

Aber wir wollen nicht kleinlich sein, vielmehr froh darüber, dass wir wenigstens ein paar Momente mit kreativem Nonsens verbringen können, bevor uns der Alltagsstress wieder in seinen Klauen hat und wir in weggeworfenem Zeitungspapier waten. (Michael Freund, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 05./06.06.2010)

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