Die Angst vorm "Hochschultourismus"

28. Mai 2010, 13:32
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In den nächsten fünf Jahren stellen die deutschen Bundesländer ihr Schulsystem um - Deshalb wird mit einem noch größeren Ansturm auf österreichische Unis gerechnet

Gern gesehen sind sie in Österreich offensichtlich nicht, ist doch immer wieder von einem "Ansturm" oder "Überschwemmung" durch deutsche Studierende
die Rede. So wie es aussieht, wird sich daran auch in Zukunft nicht viel ändern - ganz im Gegenteil. Denn in den nächsten fünf Jahren wird in allen deutschen Bundesländern die Schulzeit in Gymnasien von 13 auf 12 Jahre gekürzt - das bedeutet, dass es in diesen Jahren teilweise doppelt so viele Abiturienten gibt.

Zwischen 2011 und 2015 wird in Deutschland mit 275.000 zusätzlichen Studienanfängern gerechnet. Rektorenchef Hans Sünkel wird jetzt schon angst und bang, wenn er an diese Generation der Studienanfänger denkt: "Drei Mal dürfen Sie raten, wo diejenigen ihre Heimat suchen werden, die aufgrund des Numerus Clausus abgelehnt werden." Nicht in medizinischen Fächern - wo nach wie vor die Quotenregelung gilt - befürchtet man im österreichischen Wissenschaftsministerium einen besonderen Ansturm, sondern in anderen Massenfächern wie etwa Psychologie oder Publizistik.

Bayern stellt 2011 um

In Bayern - so scheint es zumindest - ist man gewappnet für die Ausnahmesituation in den nächsten Jahren und gibt sich gelassen. Im Wintersemester 2011 und 2012 soll die gymnasiale Umstellung im größten Bundesland vollzogen werden, durch die Österreich-Nähe wird das wohl auch Auswirkungen auf die Studierendenzahlen hierzulande haben. Einen extremen Anstieg von Studierenden mit deutscher Staatsbürgerschaft in Österreich gab es schon in den vergangenen Jahren. 2006 waren es noch rund 8.000 an der Zahl, im Jahr 2009 schon doppelt so viele.

Adolf Schicker aus dem bayrischen Wissenschaftsministerium beruhigt jedoch im Gespräch mit derStandard.at: "Die Abiturientenzahlen werden sich in Bayern nicht verdoppeln, wie das fälschlicherweise immer dargestellt wird. Wir haben normalerweise rund 70.000 Zugangsberechtigte pro Jahr, 2011 werden es 90.000 sein. Also ungefähr ein Drittel mehr." Viele würden auch über andere Wege als das Gymnasium an die Universität kommen, etwa nach dem Abschluss an Fachoberschulen, deshalb auch keine plötzliche Verdoppelung der Studienanfänger.

Numerus Clausus nicht einziges Argument für Österreich

"Wenn wir davon ausgehen, dass es mehr Anfänger gibt, wird natürlich auch mehr Interesse an Österreich bestehen", sagt Schicker, betont aber: "Nicht weil die Anfänger ausweichen müssten, sondern weil es ein generelles Interesse daran gibt, hier zu studieren." Für viele sei nicht der Numerus Clausus der Knackpunkt auszuwandern. Oft sind es pragmatische Gründe: Wer im deutsch/österreichischen Grenzgebiet wohnt, für den ist Salzburg oft näher als München.

Auf bayrischer Seite laufen die Vorbereitungen schon seit 2007. Allen Abgängern soll ein Studienplatz garantiert werden, mit Vorbehalten natürlich: "Die Garantie kann natürlich nicht lauten: jeder kriegt das, was er will. Allerdings werden diese Jahrgänge keine schlechteren Bedingungen vorfinden als die davor". Bis 2011 will man in Bayern 38.000 zusätzliche Studienplätze schaffen und 3000 neue Personalstellen aufbauen. Kosten: eine Milliarde Euro. "Das ist alles festgelegt und durchfinanziert", versichert Schicker und versucht zu beruhigen: "Österreich ist kein Auffangbecken." Auch sonst gibt es von politischer Seite in Bayern bisher keine Signale, dass man im Zuge der Wirtschaftskrise im Hochschulbereich sparen will.

Keine Verhandlungen zwischen Deutschland und Österreich

Verhandlungen oder Abkommen mit Österreich aufgrund der Sondersituation in den nächsten Jahren gab es bisher keine, hätte das doch die Vorhaben der bayrischen Regierung "konterkariert", meint Schicker: "Das hätte unser Ausbauprogramm unglaubwürdig gemacht. Es soll kein bayrischer Abiturient, wenn er es nicht selber will, aus Bayern rausgedrängt werden. Weder nach Sachsen oder Thüringen, noch nach Österreich."

Der gleichen Ansicht ist man auch im österreichischen Wissenschaftsministerium: "Es darf nicht wegen fehlender Studienplätze zu einem Hochschultourismus kommen." Österreichs Antwort, um trotzdem einen möglichen Ansturm zu vermeiden, sind Aufnahmeverfahren, die Wissenschaftsministerin Beatrix Karl jetzt für alle Massenstudiengänge fordert. Mehr Geld oder gar einen Ausbau der Studienplätze soll es nicht geben, betont ihr Pressesprecher Peter Puller im Gespräch mit derStandard.at.

Eine Diskussion über die Sinnhaftigkeit des Numerus Clausus (NC), der vor allem österreichischen Medizin-Unis ein Dorn im Auge ist, läuft in Deutschland seit kurzem. Der deutsche Gesundheitsminister Rösler ist etwa für eine generelle Abschaffung in Medizin, weil er einen Ärztemangel befürchtet. Andere wollen Aufnahmeverfahren nach österreichischem Vorbild einführen. "Hier gibt es eine Reihe von Ideen, noch ist aber nichts spruchreif", sagt Schicker. (Teresa Eder/derStandard.at, 28.05.2010)

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    Auf der Suche nach einem Studienplatz: viele deutsche Abiturienten werden ihren Blick auf Österreich richten, wenn der Notendurchschnitt nicht reicht.

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