"Grazophenia" unter dem Uhrturm

24. Mai 2010, 21:23
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850 Motorroller brachten Graz als Hauptstadt der Vespa-Fans ins Buch der Rekorde

Graz - Als das Brummen, Tuckern und Knattern vorbei war, konnte Robert Schöffel endlich glücklich lachen. Denn als, gut 20 Minuten nachdem er Samstagnachmittag seine rote Vespa auf dem Grazer Freiheitsplatz abgestellt hatte, immer noch Motorroller auf den Platz fuhren, war es amtlich: Abgesehen davon, dass die "Primavera", Schöffels Grazer Vespatreffen, mit 852 Scootern den Sprung ins Buch der Rekorde geschafft hatte (alter Rekord: 586 Roller), war auch sonst alles gutgegangen: keine Unfälle, keine Saufgelage und keine Schlägereien. Mehr noch: Die Grazer hatten die Blockade der Innenstadt lachend und winkend begrüßt - und das Wetter hatte in letzter Sekunde auf "frühlingshaft-italienisch" umgeschwenkt.

Das Wetter war nicht nur Schöffels größte Sorge gewesen. "Die Anreise", erzählte die aus Wien bei strömenden Regen angereiste Laura Marko, "war ein Abenteuer - aber lustig." Freilich: Marko und ihr britischer Freund ("Den habe ich 2009 bei den Vespa World Days in Zell am See kennengelernt. Er kam per Roller.") waren mit einem modernen Viertakter der italienischen Kult-Mopedschmiede unterwegs. Nicht nur sie - etliche der aus ganz Österreich, Italien, Slowenien und Deutschland, aber auch aus Großbritannien angereisten "Vespisti" hatten ihre Klassiker daheimgelassen. Die bauchigen Fahrzeuge, mit denen die Legende vom Italo-Roller 1946 in einer Flugzeugfabrik bei Pisa begonnen hatte und die durch Filme wie Federico Fellinis La Dolce Vita zu Designikonen wurden, sind heute altersbedingt Schönwetterfahrzeuge. So wie die mit Spiegeln überladenen 60er-Jahre-Vespas der britischen Mods aus Quadrophenia: Nur hartgesottene "Scooterboys" waren auf alten Vespas mit Handschaltung nach Graz gekommen - die Mehrheit hielt es wie der Grazer Bürgermeister Siegfried Nagl und rollerte statt "modig" eben "modern".

Authentizitätsdebatten

Vor zehn Jahren hätte das zu Authentizitätsdebatten über leise Automatikroller geführt. Doch das war einmal. Zum einen, erklärte Hubert Freiler, Marketingleiter des Vespa-Importeurs Faber, "weil Piaggio zur Formensprache der Sechzigerjahre zurückgefunden hat". Zum anderen, weil viele Buben, die mit dem Geruch von Zweitaktöl aufwuchsen, heute (manchmal) vernünftig denken. Eventmoderator Jürgen Peindl etwa war nicht der Einzige, der fast enttäuscht wirkte, als er erfuhr, dass die gezeigte Elektro-Wespe "nur" ein Prototyp war.

Beim 16 Kilometer langen Corso durch Graz wurden Männer aber doch wieder Buben. "Es ist absolut sinnfrei, aber es macht Spaß", meinte der Werbeagenturbetreiber Christian Krpoun - und setzte schelmisch nach: "Natürlich kann man das in keinster Weise mit einem GTI-Treffen vergleichen." Ganz ohne Botschaft wollte Importeursprecher Freiler die Veranstaltung aber nicht passieren lassen: "Viele Menschen erkennen, dass Roller in der Stadt praktisch sind - weil man besser durch den Stau kommt." Außer die Roller machen den Stau selbst. (Thomas Rottenberg/DER STANDARD-Printausgabe, 25.5.2010)

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