Clowneske Rückkehr ins Leben

24. Mai 2010, 19:06
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James Thiérrée begeistert mit seinem Solo "Raoul"

Wien - Raoul hat sich, scheinbar selbstgenügsam, eingeigelt - mit allem, was er zum Leben braucht. Die Gründe für diesen Rückzug in die Isolation erklärt James Thiérrée, nun schon zum dritten Mal Gast bei den Wiener Festwochen, nicht: Sein bildgewaltiges, nahezu wortloses, zumeist äußerst amüsantes Pantomime-Slapstick-Akrobatik-Solo Raoul setzt mit einer folgenreichen Störung ein.

Ein Mann mit Stirnlampe, der sich als Alter Ego herausstellen wird, entert vom Zuschauerraum aus die mit geflickten Segeln malerisch drapierte Bühne des Theaters an der Wien. Ein Teil der Metallrohre, aus denen sich Raoul seine Festung gebaut hat, stürzt krachend ein. Die anderen zittern vor Angst. Auch der Eremit fürchtet sich: Er versteckt sich in der Tonne. Doch dann fasst er sich ein Herz - und nimmt den Kampf gegen den Eindringling auf.

Es ist ein Kampf mit ihm selbst: Raoul packt sich selbst am Schopf. Diese langsame, wenngleich kurzweilige Rückkehr ins Leben garniert James Thiérrée, ein Enkel von Charlie Chaplin, mit vielen wunderbaren Miniaturen. Mitunter greift er tief in die Mottenkiste des Clowns: Er gießt unaufhörlich Wasser in ein Glas, das nie voll wird; er hat gröbere Probleme, sich einen Mantel anzuziehen; und die Tonne entpuppt sich als Zauberhut, aus dem sich alles Mögliche herausziehen lässt.

Doch der Theatermagier versteht vor allem zu verblüffen: Raoul zähmt seine Beine, die daraufhin grazil wie die Läufe eines Pferdes traben, und gönnt sich danach einen Sack mit Hafer, den er mit den Zähnen mahlt. Er klopft sich auf die Schulter, doch die Hand verselbstständigt sich. Er versetzt sich selbst einen brutalen Kinnhaken und fällt dann in Zeitlupe zu Boden. Irgendwann entdeckt er, dass er nicht allein ist: Der Tollpatsch, der noch staunen kann, nimmt verdutzt das Publikum wahr. Und er verliert die Scheu vor den riesigen Tieren, die Victoria Thiérrée beigesteuert hat.

Nach knapp eineinhalb Stunden hat sich Raoul vollständig aus seinem Gefängnis befreit: Er gleitet durch den Raum, als gäbe es keine Schwerkraft. Jubelrufe und Standing Ovations sind die fast logische Folge: nicht nur für James Thiérrée, sondern auch seine Helfer (darunter das Double von Raoul), deren Namen das Programmheft leider verschweigt. (Thomas Trenkler, DER STANDARD/Printausgabe 25.5.2010)

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