Wenn der Schwanz mit dem Hund wedelt

24. Mai 2010, 18:47
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Wissenschaftsministerin Karl hat eine neue Bildungsdebatte ausgelöst, Lehrer-Gewerkschafter umgehend ihr Nein zu den Reformideen deponiert

Der Aufschrei war wie gehabt: "Skandal" , "Sie soll schweigen" , "unnötig und überflüssig" - mit einem Wort, die Frau Bundesministerin durfte das ganze Repertoire der "power of reaction" in "ihrem" ÖAAB erleben. Wortwahl und Lautstärke waren einmal mehr entlarvend: So reagiert niemand, der sich seiner Sache sicher ist. Die Damen und Herrn rund um Fritz Neugebauer ahnen, dass das Ende der ständischen Zweiteilung naht: Hier die Schule fürs Volk, (70 Prozent Hauptschüler), dort die Schule für die "besseren" Leute (30 Prozent Gymnasiasten) - und das seit mehr als 50 Jahren.

Dabei hat die Ministerin schon dienstlich allen Grund, Alarm zu schlagen. In regelmäßigen Abständen werden Österreich und Deutschland - die beiden einzigen Länder der Welt, die ihre Kinder mit 10 Jahren trennen - von der OECD erinnert, in welchem Ausmaß beide Länder Talente vergeuden.

Während wir und unsere Nachbarn eine Hochschul-Absolventenquote von 22 Prozent (Österreich), bzw. 26 Prozent (Deutschland) aufweisen, liegt sie im Durchschnitt der übrigen OECD Länder bereits bei 40 Prozent. Kein Wunder, da in unserem Land zwar 77 Prozent der Akademiker und Maturantenkinder eine höhere Schule besuchen, aber nur neun Prozent der Kinder aus bildungsfernen Schichten. Das heißt, dass in Österreich so stark wie sonst nirgendwo die Herkunft der Kinder über ihre Zukunft entscheidet. Und das ist weder christlich, noch sozial. Ganz zu schweigen von der Gefahr der Arbeitslosigkeit. Sie trifft Akademiker vier bis sechs Mal weniger als Lehrabsolventen und angelernte Arbeitskräfte. Sollte das alles nicht gerade den christlich- sozialen Arbeitnehmerbund der ÖVP alarmieren? Und natürlich auch den Finanzminister, der sich durch die frühe Förderung spätere Milliarden für Arbeitslose und Kriminelle erspart?

Dazu kommt, dass das renommierte "Educational Policy Institute" in Washington erst unlängst festgestellt hat, dass Österreichs Universitäten im Vergleich zu den von zwölf anderen reichen Industriestaaten die schlechteste soziale Durchlässigkeit aufweisen. Gemeinsam mit Belgien und Deutschland. Die Vereinigten Staaten, England und Frankreich, die angeblich so kapitalistisch bezihungsweise elitär sind, liegen um fünf (Frankreich) bis zehn Plätze (Großbritannien, USA) vor uns.

Aber nicht genug damit. Erst im Dezember des vorigen Jahres hat uns Angel Gurría, der Generalsekretär der OECD mit dem jüngsten Innovationsranking geschockt. Dort werden seit 5 Jahren anhand von 150 Einzelkriterien die Kreativität und Innovationstärke von 17 Industrieländern beurteilt. Dabei wechseln sich die USA, Schweiz, Schweden und Finnland auf den ersten Plätzen ab. Wir liegen auf Platz 14. Schlechter als wir sind nur noch Irland, Spanien und Italien.

Förderung ab Kindergarten

Bei der Präsentation nahm sich Gurría kein Blatt vor den Mund. Er nannte bei Deutschland (Verschlechterung auf Platz 9) und Österreich als Hauptgrund für das mäßige bzw. schlechte Abschneiden das Schul-und Bildungssystem. Dabei ging es diesmal in erster Linie um den Unterricht. Er wendet sich in beiden Ländern seit mehr als 200 Jahren undifferenziert an die ganze Klasse und nicht - wie in den meisten anderen Ländern - an jeden einzelnen Schüler.

Standard ist heute, dass schon im Kindergarten festgestellt wird, wo die Stärken und Talente der Kinder schlummern. Diese werden dann bis zum 14., beziehungsweise 16. Lebensjahr individuell gefördert. Da nirgendwo nur mehr "Stoff" vermittelt wird, sondern Probleme gelöst werden, bleibt dem Einfallsreichtum und der Kreativität der einzelnen Schüler viel Raum. So wie das nunmehr auch bei uns in der Neuen Mittelschule der Fall ist.

Und noch ein Grund für die gemeinsame Schule: Die Vielfalt der Talente und der sozialen und kulturellen Herkünfte ist kein Handcap, sonder ein Vorteil. Nur so wird auf das Leben vorbereitet. Darauf, dass man in der pluralistischen Gesellschaft miteinander auskommt und problemlos zusammenarbeitet.

Zudem lernt man Solidarität nur in heterogenen Gruppen: der schwache Mathematiker aber gute Schwimmer bringt dem guten Mathematiker das Kraulen bei, der sich mit Nachhilfe bei Schlussrechnungen revanchiert. Wo hingegen nur die besten Mathematiker in einer Klasse sitzen, entwickelt sich eine egomane Ellbogengesellschaft. Die brauchen wir nicht. Wir brauchen den "sozialen Kitt" , den Zusammenhalt in der Gesellschaft, den man frühzeitig lernen muss.

Bleibt abzuwarten, wer das Match in der ÖVP gewinnt. Die ständischen Gewerkschafter, die sich ausschließlich um ihre Lehrer und keinen Deut um die Schüler kümmern - oder eine verantwortungsbewusste Staatspolitik. Einmal, nämlich bei den zwei Stunden mehr für die Lehrer, hat der Schwanz bereits mit dem Hund gewedelt. Hoffentlich zum letzten Mal. (Bernd Schilcher/DER STANDARD Printausgabe, 24.05.2010)

Zur Person

Bernd Schilcher wurde 2007 zum Leiter der Expertenkommission zur Neuordnung der Schulorganisation im Unterrichtsministerium ernannt, er war Landesschulratspräsident der Steiermark und gilt als Vordenker in der ÖVP.

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