Schwarzes Schweigen nach dem Gesamtschul-"Skandal"

21. Mai 2010, 19:05
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Vom roten Koalitionspartner bekommt Wissenschaftsministerin Karl nach ihrem Gesamtschul-Vorstoß Rückendeckung

Wien - Am Tag nach dem "Skandal" , den AHS-Lehrergewerkschafterin Eva Scholik im Gesamtschul-Vorstoß von Wissenschaftsministerin Beatrix Karl (VP) erkannt haben will, gingen die Befürworter einer gemeinsamen Schule aller Zehn- bis 14-Jährigen ob der heftigen Reaktionen von der Parteispitze abwärts erst einmal in Deckung. "Denken wird wohl noch erlaubt sein" , meinte der prononcierte Gesamtschul-Anhänger Hermann Schützenhöfer am Freitag knapp. Dabei ist der steirische Landesvize, in dessen Umfeld die Steirerin Karl ihre Positionen entwickelte, sonst nicht um deutliche Worte für das in ÖVP-Kreisen immer noch despektierlich mit "Einheitsbrei" etikettierte Schulmodell verlegen.

So konstatierte er im Standard 2007: "Die Kluft zwischen AHS und Hauptschule wird immer größer. Die Potenziale unserer Jugend können auf diese Weise nicht optimal gefördert werden. Ich fordere daher eine Offensivstrategie für ein neues, modernes Schulsystem der Zehn- bis 14-Jährigen."

Umsetzung einer Budgetfrage

Andere trauen sich, ihre Pro-Gesamtschulargumente auch in Zeiten scharfen Gegenwindes zu erneuern. Die steirische Bildungslandesrätin Kristina Edlinger-Ploder spricht sich nach wie vor dezidiert für eine gemeinsame Schule der Zehn- bis 14-Jährigen aus. Sie zeigte sich überrascht, dass die Aufregung um den Vorstoß Karls größer sei als das Interesse an der Bildungsdebatte.

So geht es auch Ex-ÖVP-Chef Erhard Busek. "Die Debatte über Inhalte fehlt völlig. Wir sollten darüber reden, was wo vermittelt wird." Stattdessen würden Schuldebatten immer in Gewerkschafts- und Besoldungsdebatten umfunktioniert. Der Wissenschaftsministerin, die selbst eine Hauptschule besucht hat, gibt Busek Rückendeckung: "Es ist gut für die ÖVP, wenn ein bisschen Bewegung in die Bude kommt. In Bildungsfragen sind die Positionen leider sehr versteinert."

Auch Michael Zahradnik war als roter AHS-Lehrergewerkschafter einmal ein "glühender Gesamtschulanhänger, bis ich erkennen musste, dass das mit den momentanen budgetären Mitteln nicht durchführbar ist" . Für eine erfolgreiche Systemänderung bräuchte es neben einer besseren Ausbildung und Bezahlung deutlich kleinere Lerngruppen, Förderstunden am Nachmittag, wesentlich mehr Schulpsychologen und so weiter. Der Grund für Zahradniks Skepsis: "Ich fürchte mich davor, dass das Ganze nur eine andere Variante von Einsparungspotenzialen ist, jetzt halt unter dem Titel der Chancengleichheit."

Den roten Pflichtschullehrergewerkschafter Thomas Bulant hat Karl hingegen schon lange auf ihrer Seite:"Wir tun so, als hätten wir ein differenziertes Schulwesen, haben es aber nicht."

De facto würden sich in ländlichen Gebieten annähernd 100 Prozent der Zehnjährigen für die leistungsdifferenzierte Hauptschule entscheiden, wenn die nächste AHS zu weit vom Wohnort entfernt sei. Umgekehrt habe die AHS in Ballungsräumen undifferenziert die Funktion der Pflichtschule übernommen.

Außerdem gibt es ja einen Vorläufer der Gesamtschule: Der Schulversuch "Neue Mittelschule" (NMS) läuft seit 2008 und wird ab dem kommenden Schuljahr an 320 Standorten in ganz Österreich vertreten sein. Gäbe es für Schulversuche nicht die gesetzliche Höchstgrenze von zehn Prozent, wären es noch mehr. Eine Evaluierung des Projekts gibt es erst mit Ende des ersten Versuchsdurchgangs im Herbst 2012. Aber im Ministerium von Claudia Schmied hofft man auf Ausweitung - und ist umgekehrt auch bereit, in Verhandlungen ÖVP-Wünsche nach Studienzugangsbeschränkungen zumindest nicht in Bausch und Bogen abzuschmettern.

Vorerst wird also in den bewährten, segregierenden Strukturen weitergewurstelt. Wie lange noch? Gewerkschafter Bulant setzt auf die Kraft der Sozialpartner, die mit ihren Bildungskonzepten die starre ÖVP-Position schon längst überholt hätten. (Gerda Mackerle und Karin Moser, DER STANDARD, Printausgabe, 22.5.2010)

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