Salzburger Forscher bezweifeln neue Kugelblitztheorie

24. Mai 2010, 21:27
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Keul und Sauseng: Theorie wurde experimentell nie überprüft

Salzburg - Salzburger Wissenschafter bezweifeln eine neue Theorie über Kugelblitze, die zwei Physiker aus Innsbruck - wie berichtet - Anfang dieser Woche vorgestellt hatten. Josef Peer und Alexander Kendl hatten berechnet, dass das Magnetfeld langer Blitzentladungen im menschlichen Gehirn den Eindruck leuchtender Kugeln erzeugen könnte - damit ließen sich viele der Beobachtungen von Kugelblitzen erklären, so die Physiker. "Kugelblitze haben Menschen getötet, wie soll das durch eine elektromagnetische Halluzination möglich sein", fragt hingegen der Psychologe und Meteorologe Alexander Keul.

Die von Peer und Kendl in den "Physics Letters A" publizierte Theorie ist laut Keul bereits 1999 vom Engländer Mark Stenhoff geäußert worden. Sie klinge elegant und einleuchtend, sei aber experimentell nie überprüft worden, kritisieren Keul und der Salzburger Hirnforscher Paul Sauseng. Sauseng weist darauf hin, dass Trugwahrnehmungen bei künstlicher Hirnstimulation maximal eine Sekunde dauern würden, während Kugelblitze im Schnitt fünf Sekunden existieren. Außerdem würden Halluzinationen durch künstliche Stimulation nur auftreten, wenn es starke Magnetfelddifferenzen am Gehirn im Zentimeterbereich gibt, was bei nahen Blitzeinschlägen äußerst unwahrscheinlich sei. "Da die Hirnoberfläche bei jedem Menschen verschieden gefaltet ist, müssten zwei Personen bei gleichzeitiger Kugelblitz-Halluzination völlig andere Erscheinungen sehen, was so jedenfalls nicht berichtet wird", so Sauseng.

Plädoyer für mehr Tests und Zusammenarbeit

Keul gibt zu bedenken, dass Kugelblitze auch Schäden verursachen können oder fotografiert worden seien, das würden die beiden Physiker mit ihrer neurologischen Erklärung vollkommen unberücksichtigt lassen. Und in der klinischen Literatur über Blitz- und Stromunfälle sei von den behaupteten Halluzinationen absolut nichts zu finden. "Wenn Piloten bei Gewitter derart in Halluzinationsgefahr wären, gäbe es wohl nicht nur Flugverkehrssperren bei Vulkanasche. Und Routineuntersuchungen des Gehirns im feldstarken Magnetresonanztomographen (MRT) wären wilder als die Geisterbahn."

Keul ist der Ansicht, dass es inzwischen genügend Theorien über das Phänomen gebe, aber noch zu wenige empirische Tests und interdisziplinäre Zusammenarbeit. (APA/red)

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