Wenn Optimisten finalisieren

21. Mai 2010, 14:37
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Inter Mailand und Bayern München strahlen vor dem Endspiel am Samstag vor Zuversicht, beide könnten am Ende als Triple-Sieger dastehen

München/Madrid - Inter Mailand vor Augen, die historische Chance im Kopf: Als Bayern München am Donnerstagnachmittag mit Sonderflug LH 5018 am Madrider Flughafen Barajas landete, war der Traum vom Champions-League-Sieg und vom Triple allgegenwärtig. Konzentriert und voller Zuversicht präsentierte sich der deutsche Meister und Pokalsieger vor dem Finale am Samstag (20.45 Uhr/live bei ORF 1, SAT.1 und Sky) gegen Inter Mailand nach gut zwei Stunden Flug bei der Ankunft in der spanischen Hauptstadt, wo den Bayern-Tross Sonne und Temperaturen von über 20 Grad erwarteten.

"Das Triple ist möglich. Ich bin überzeugt von der Mannschaft und vom Trainerstab. Die Bayern sind sagenhaft gut drauf", sagte selbst Ex-Präsident Franz Beckenbauer bei Sport1. Auch Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge unterstrich noch einmal das Münchner Hochgefühl. "Wir sind sehr glücklich und stolz. Ich bin optimistisch, dass wir das packen. Diese Mannschaft hätte es verdient, Champions-League-Sieger zu werden."

Um endgültig alle Fans in Deutschland auf ihre Seite zu bringen, veröffentlichte die Mannschaft um Kapitän Mark van Bommel am Donnerstag sogar einen Offenen Brief."'Wir wissen und fühlen, dass uns Millionen von Fußballfans zuhause in Deutschland gedanklich begleiten. Die Bayern-Fans, aber auch viele Fußballfreunde, die uns sonst vielleicht eher neutral sehen. Samstagabend sollten alle 'Bayern' sein, das wünschen wir uns", schrieben Spieler und Trainer-Team.

Doch bei allem Hype um die zehnte Teilnahme an einem Europokalfinale richteten die Spieler den Blick auf das Wesentliche. "Alle freuen sich, dass sie hier sind, aber wir müssen versuchen, das Spiel so normal wie möglich zu nehmen", sagte Arjen Robben vor dem möglichen Höhepunkt "der besten Saison meiner Karriere".

Auch Trainer Louis van Gaal, der zwei Tage vor dem Endspiel einmal mehr seinen Verbleib bei den Bayern bis 2011 zusicherte,  war um Normalität bemüht - auch was den Vergleich mit seinem einstigen Assistenten und jetzigen Inter-Coach Jose Mourinho betrifft. "Das ist kein Streit zwischen van Gaal und Mourinho, sondern zwischen den Spielern. Es ist ein Spiel elf gegen elf", sagte er gewohnt trocken.

Lucio und der Ausflug

Doch auch bei Inter Mailand scheint Optimismus Trumpf, jedenfalls gaben sich die Italiener betont locker. Während der frühere Münchner Lucio am Donnerstagabend im Mannschaftshotel Mirasierra Suites Hotel in Büchern stöberte, hatten Samuel Eto'o und Mario Balotelli sogar ihre Frauen mit ins Fünf-Sterne-Quartier gebracht. Die Stimmung wirkte auf die übrigen Hotelgäste eher wie ein entspannter Familienausflug. Von Nervosität vor dem Endspiel war jedenfalls nichts zu spüren.

Besonders Lucio hatte die Ruhe weg. "Es ist kein besonderes Spiel, nur weil es gegen die Bayern geht", versicherte der Brasilianer. "Es ist nur ein besonderes Spiel, weil es das Finale ist." Seinem früheren Klub, der ihn 2009 nach erfolgreichen Jahren abgeschoben hat, weint er nicht eine Träne nach. Denn bei Inter Mailand erfährt er Wertschätzung als die "unüberwindbare Mauer", wie der Corriere dello Sport schrieb.

Für den 18-maligen italienischen Meister war Lucio ein absoluter Glücksgriff, zudem mit 7,5 Millionen Euro Ablöse eine Okkasion auf dem Transfermarkt. "Lucio ist ein Verteidiger, der wie für zwei spielt. Er ist mutig und gibt nie nach, er ist die Lebensversicherung für die gesamte Mannschaft", sagte Präsident Massimo Moratti.

Trainer Mourinho hat um den Innenverteidiger eine Abwehr formiert, an der sich selbst der FC Barcelona die Zähne ausgebissen hat. "Er ist der zentrale Abwehrspieler, der uns in der vergangenen Saison gefehlt hatte. Er ist groß und sehr wendig. Mit seiner Hilfe haben wir uns besser den Bedürfnissen den modernen Fußballs angepasst", würdigt Mourinho seinen Abwehrchef.

Van Gaal war Lucio dagegen taktisch zu disziplinlos, die charakteristisch-kraftvollen Vorstöße waren dem Niederländer ein Dorn im Auge. Deshalb bemühten sich die Bayern nicht sonderlich, Lucio zu halten, Inter dagegen lockte mit 4,5 Millionen Euro Jahresgehalt.

"Ich bin sehr zufrieden bei Inter und in Italien überhaupt. Ich habe schöne Jahren in München verbracht, doch jetzt denke ich nur daran, ein großes Finale zu spielen", sagte der 32-Jährige. "Jeder Spieler der Welt hat den Traum, die Champions League zu gewinnen."

Clash der Philosophien

Inter gegen Bayern ist auch der spannende Vergleich zweier Philosophien. Inter setzte in allen Wettbewerben ausnahmslos und erfolgreich auf die perfekte Absicherung in der Defensive. Mourinho passte das Spielschema wahlweise an: Mal kontrollierte Inter im 4-3-1-2-System den Herausforderer, mal zermürbte man die Konkurrenz mit einem 4-2-3-1.

Van Gaals Mannschaften riskieren mehr und sind auf zielstrebiges Offensivspiel hin ausgerichtet. Auch Attraktivität ist ein Ziel. Dabei wurden die Nerven der Anhänger schon einmal strapaziert. Zweimal (in Florenz und Manchester), mussten die Bayern drei Treffer hinnehmen. In beiden Fällen vermieden die Bayern dank der Qualität in der Offensive das Ausscheiden.

Im Finale geht es übrigens auch um Geld. Der Sieger erhält 9 Mio. Euro, der Verlierer immerhin 5,2. Mit den Einnahmen aus dem sogenannten Markt-Pool sowie aus den Heimspielen könnte es der Champion auf Saisoneinnahmen  von 60 bis 70 Mio. Euro bringen.

Und es steht auch der vierte Startplatz für die Saison 2011/12 auf dem Spiel. Erreichen die Bayern zumindest das Elferschießen, geht dieser gemäß UEFA-Fünfjahreswertung an die Bundesliga, andernfalls an die Serie A. (sid/red)

Die voraussichtlichen Aufstellungen:

München: Butt - Lahm, van Buyten, Demichelis, Badstuber - van Bommel, Schweinsteiger - Robben, Müller, Altintop - Olic. - Trainer: van Gaal

Mailand: Julio Cesar - Maicon, Lucio, Samuel, Zanetti - Stankovic, Cambiasso - Pandev, Sneijder, Eto'o - Milito. - Trainer: Mourinho

Schiedsrichter: Howard Webb (England)

  • Herr Van Gaal und Herr Mourinho kennen sich von früher.
    montage: derstandard.at/rob

    Herr Van Gaal und Herr Mourinho kennen sich von früher.

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