HIV-Infizierte in guter Therapie sexuell nicht infektiös

26. Mai 2010, 15:36
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Diese "Revolution" machte die hoch aktive antiretrovirale medikamentöse Therapie möglich

Wien  - Ein Aspekt der HIV-Infektion, die bei einer unter Therapie weitgehend normalen Lebenserwartung der Betroffenen immer wichtiger wird: Wann sind HIV-Positive überhaupt "ansteckend", was sexuelle Kontakte betrifft. International wird dazu seit 2008 ein Statement der Eidgenössischen Kommission für Aidsfragen am Schweizer Bundesamt für Gesundheit diskutiert. "HIV-infizierte Menschen ohne sexuell übertragbare Krankheiten sind unter wirksamer antiretroviraler Therapie sexuell nicht infektiös", stellten die Experten fest.

Mortalität rapide gesunken

Diese "Revolution" machte die hoch aktive antiretrovirale medikamentöse Therapie möglich. Die Präsidentin der Österreichischen Aids-Gesellschaft, die Wiener Pulmologin Brigitte Schmied, sagt: "Die Aids-Infektion ist eine behandelbare Erkrankung geworden. Die Mortalität ist in den vergangenen Jahren um 90 Prozent gesunken."

Dieser Trend wurde mit der Einführung der Kombinationstherapien etwa ab 1995 möglich. Das Ziel: eine derart starke Unterdrückung der HIV-Vermehrung, dass das Virus im Blut nicht mehr nachgewiesen werden kann. Diese Nachweisgrenze liegt derzeit bei unter 40 Virus-Partikeln pro Milliliter Blut. Weil aber HIV in Genitalsekreten im Vergleich zu Blut in stark reduzierter Konzentration vorkommt, soll damit eine Ansteckung auf sexuellem Weg bei anhaltend erfolgreicher Therapie gar nicht mehr möglich sein.

"Sexuell nicht infektiös"

Pietro Vernazza, Bernard Hirschel, Enos Bernasconi und Markus Flepp in ihrem Statement: "Eine HIV-infizierte Person ohne andere STD unter einer antiretroviralen Therapie (ART) mit vollständig supprimierter Virämie ist sexuell nicht infektiös, das heißt, sie gibt das HI-Virus über Sexualkontakte nicht weiter (...)."

Die Vorausbedingungen: die Therapie wird vom Betroffenen eingehalten und vom Arzt kontrolliert, die Viruslast liegt seit mindestens sechs Monaten unter der Nachweisgrenze, es bestehen keine anderen sexuell übertragbaren Infektionen.

Beobachtungsstudien

Als Hinweise - nicht als endgültigen Beweis dafür, dass es doch im Extremfall (1:100.000) zu einer Infektion kommen kann - werden verschiedene Beobachtungsstudien angeführt: Bei 393 heterosexuellen Paaren, bei denen ein Partner HIV-positiv war, kam es unter Behandlung in 14 Jahren zu keiner Übertragung. Ohne medikamentöse Therapie war dies bei 8,6 Prozent der Fall. Bei 93 Paaren, bei denen ein Partner HIV-positiv war, begannen 41 mit einer Therapie. Zu Infektionen kam es nur bei sechs Partnern mit mehr als 1.000 Virus-Kopien pro Milliliter Blut. Bei 62 "serodifferenten" Paaren, die für Kinderwunsch ungeschützten Sex hatten, gab es keine einzige Übertragung auf die Partnerin.

Die möglichen Konsequenzen sind gravierend: In festen Beziehungen und wenn die Bedingungen erfüllt sind, könnten Paare, bei denen ein Partner HIV-positiv ist, eventuell auf Kondome verzichten. Die Experten stellen aber auch klar, dass die Entscheidung dafür beim HIV-negativen Partner liegen sollte. Ansonsten gilt immer das Prinzip des Selbstschutzes.

Auch die Gerichte sollten sich - so die Autoren - hüten, in diesem Fall weiterhin die Strafparagrafen bezüglich Körperverletzung etc. anzuwenden: Ein Befund auf anhaltend unterdrückte Virus-Replikation durch die Therapie "ist von den Gerichten bei der Beurteilung der Strafbarkeit der HIV-Übertragung zu berücksichtigen." Man könne Tatbestände wie eine "versuchte Verbreitung einer gefährlichen Krankheit" dann nicht heranziehen. (APA)

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    Experten erklären, dass HIV-infizierte Menschen ohne sexuell übertragbare Krankheiten unter wirksamer antiretroviraler Therapie sexuell nicht infektiös seien.

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