Euro setzt seine Talfahrt fort

17. Mai 2010, 17:51
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Der Euro fiel zwischenzeitlich auf den tiefsten Stand seit vier Jahren. Ökonomen warnen vor steigendem Inflationsrisiko

Das anhaltende Misstrauen der Investoren gegenüber dem Euro hat die Gemeinschaftswährung am Montag zwischenzeitig unter 1,23 Dollar und damit auf den tiefsten Stand seit vier Jahren geschickt. Am Nachmittag erholte sich die Gemeinschaftswährung etwas. Seit Jahresbeginn hat der Euro gut 14 Prozent an Wert gegenüber dem Dollar eingebüßt, was allerdings die europäische Exportwirtschaft erfreut.

Investoren flüchten sich angesichts der Entwicklungen in Europa in die USA. Unter dem Strich floss im März so viel Geld in US-Wertpapiere wie noch nie seit Beginn entsprechender Statistiken in den 1930ern. Netto verbuchte die größte Volkswirtschaft der Welt einen Zufluss von 140,5 Milliarden Dollar, wie das US-Finanzministerium am Montag mitteilte.

Wien – Keine andere der großen Währungen hat 2010 so stark an Wert verloren wie der Euro. Noch im Jänner kostete der Euro 1,45 Dollar, inzwischen fiel die Gemeinschaftswährung auf 1,23. Ein Überblick über Vor- und Nachteile des Kurssturzes:

- Außenhandel: Ohne Zweifel ist Europa durch die Abwertung des Euro billiger geworden. Die Gemeinschaftswährung hat beispielsweise gegenüber dem chinesischen Yuan in den vergangene Wochen um 14,5 Prozent abgewertet. Das Handelsministerium in Peking bekannte am Montag, dass chinesische Exporteure unter Druck kommen. Im Durchschnitt gehen 35 Prozent der Exporte aus dem Euroraum in nicht Euro-Staaten. Viele Exporteure sind dementsprechend optimistisch und bei der Wirtschaftskammer in Österreich malt man sich bereits positive Effekte für Wachstum und Arbeitslosenrate ab der zweiten Jahreshälfte aus.

- Inflation: Weniger optimistisch ist die deutsche Commerzbank. Denn während die Exporte billiger werden, verteuern sich die Einfuhren. Das betrifft nicht nur in Dollar abgerechnete Produkte, sondern alle Importe. Denn wer seine Waren in Euro verkauft, muss sie zu einem höheren Preis anbieten um nicht auf der Währungsentwertung sitzen zu bleiben. Die Commerzbank warnt daher vor einer importierten Inflation. Diese werde die Überschüsse aus den Exporten auffressen und könnte zu kräftigen Preissteigerungen führen.

Das sagt auch Franz Hahn vom Wifo. Aber:Für eine stark steigende Inflation ist Euro der noch nicht stark genug gefallen. Erst ab einer Parität zum Dollar sieht er Probleme durch stark steigende Inflation.

- Ungleichgewichte: Marktbeobachter gehen davon aus, dass die Ungleichgewichte in der Eurozone steigen werden. Denn:Während deutsche Exporteure profitieren, wachsen Probleme für Netto-Importeure wie Griechenland, Spanien und Portugal.

- Energie: Der schwache Euro macht Treibstoffe teurer. "So wie uns der starke Euro im Rekordjahr 2008 vor noch höheren Spritpreisen verschont hat, ist jetzt das Gegenteil der Fall" , sagte Rainer Wiek vom Hamburger Erdöl Informationsdienst (EID). Wie viel genau müsse erst gerechnet werden, zumal Rohöl auf Dollarbasis zuletzt billiger geworden ist. Während der deutsche Mineralölwirtschaftsverband allein fünf Cent des Preisanstiegs bei Treibstoffen seit Jahresbeginn mit der Schwäche des Euro in Verbindung bringt, will man sich beim Schwester-Fachverband in Österreich auf keine Zahlen festlegen.

- Anleger: Die Furcht vieler Anleger vor den Belastungen der Weltkonjunktur durch die europäische Schuldenkrise löst eine neue Flucht in Gold aus. Der Preis für eine Feinunze des Edelmetalls erreichte am Montag in Euro gerechnet ein neues Rekordhoch von 1012 Euro. Die Münze Österreich produziert seit mehreren Wochen bereits wieder rund um die Uhr Münzen, um den Bedarf der Anleger zu decken. Ein Ende des Höhenfluges ist laut Experten derzeit nicht in Sicht. Beachtet werden sollte aber, dass beim Kauf von Gold auch Gebühren anfallen und ein Investment in physisches Gold keine Zinsen abwirft.

Der Goldrausch zeigt auch, dass die Euroschwäche – entgegen den offiziellen Beschwichtigungen – natürlich auch Euro-Anleger trifft. Zahlreiche internationale Investoren reduzieren wegen der Schuldenkrise nämlich ihre Veranlagungen in Euro. Das könnte mittelfristig auf Aktien- und Anleihenkursen lasten.

Zudem erhöht der schwache Euro den Inflationsdruck und damit die Zinsen, was wiederum Gift für die Konjunktur ist. Anlegern drohen also neben den Teuerungsverlusten auch noch Kursabschläge durch den Rückzug internationaler Investoren aus Euro-Papieren. Merklich profitieren davon die USA: Im März ist so viel Geld in US-Wertpapiere wie noch nie seit Beginn entsprechender Statistiken in den 1930ern geflossen. Netto verbuchte die größte Volkswirtschaft einen Zufluss von 140,5 Milliarden Dollar.

- Kredite: Nachteile des schwachen Euros spüren auch Besitzer von Fremdwährungskrediten, in Österreich rund 250.000 Menschen. Sie haben sich in fremden Währungen verschuldet, um etwa niedrigere Zinsen in Japan oder der Schweiz auszunutzen. Mit dem sinkendem Euro steigen die Schulden, die man sich zum Beispiel für die Finanzierung eines Eigenheimes aufgeladen hat. Der Rat der Experten: Die Situation im Auge behalten, um den richtigen Zeitpunkt für eine mögliche Umschuldung nicht zu verpassen.

- Tourismus: Für die europäische Tourismuswirtschaft dürfte der schwache Euro ein Segen sein. Rund ein Drittel der Gäste in Europa sind nicht Euro-Halter, sie können sich folglich mehr Europa mit ihrer Währung leisten, sagte Wifo-Tourismusexperte Egon Smeral. Städte würden mehr profitieren als ländliche Regionen.

"Der weiche Euro hilft uns im Incoming-Tourismus, aus England oder dem US-Markt" , sagte Rudolf Tucek, Geschäftsführer von Vienna International, dem größten österreichischen Hotelbetreiber im Ausland. Weniger profitieren dürfte die Branche in Österreich, denn 70 bis 80 Prozent der Gäste stammen hier aus dem Euro-Raum, auf die habe eine Wechselkursänderung keinen Einfluss. (as, bpf, cr, stro, sulu, szi, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18.5.2010)

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    Die Euroschwäche und ihre Auswirkungen: Treibstoffe werden teurer, Österreich-Urlaube für Touristen aus Nicht-Euro-Staaten billiger. Verunsicherte Anleger setzen auf Gold, die Industrie hofft dank Abwertung auf Export-Chancen.

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