Mehr Durchlässigkeit bei AHS und Hauptschulen gefordert

17. Mai 2010, 11:24
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Neues Bildungskonzept sieht Umbenennung der Hauptschule in "Aufsstiegsschule" vor

Wien - Eine Beibehaltung des differenzierten Schulsystems bei gleichzeitiger Erhöhung der Durchlässigkeit zwischen AHS und Hauptschule ("Aufstiegsschule"), verpflichtende Deutschkurse für Kinder mit Sprachdefiziten, strengere Aufnahmevoraussetzungen für den Lehrberuf, eine regelmäßige "Qualitätsüberprüfung" der Lehrer, mehr Autonomie für Schulen und "Begabtenschulen" bzw. "Begabtenklassen" in jedem Bundesland sind die Eckpunkte des neuen Bildungskonzepts des ÖVP-Bundes für Arbeitnehmer (ÖAAB).

Folgende Punkte sind vorgesehen:

Differenziertes Schulsystem: Die Trennung in AHS und Hauptschule soll weiter aufrechterhalten werden. Allerdings soll die Hauptschule aufgewertet ("Aufstiegsschule") und die Durchlässigkeit zwischen den beiden Schultypen erhöht werden. So soll etwa jährlich ein "Audit" für den Wechsel von der Hauptschule in die AHS möglich sein. Auch nach der Hauptschule soll reibungslos in sämtliche Schultypen gewechselt werden können - deshalb soll bereits in der Hauptschule mehr bilingual unterrichtet bzw. bedarfsorientiert Zusatzkurse etwa in Sprachen oder im mathematischen Bereich angeboten werden. Mit "Talentechecks" mit zwölf und 14 Jahren sollen die Begabungen jedes Kindes festgestellt werden.

Kindergarten: Der Kindergarten soll "jedenfalls am Vormittag" beitragsfrei sein - ansonsten soll es eine soziale Staffelung geben. Verstärkt werden soll die Sprachförderung im vorschulischen Bereich und die Kooperation zwischen Kindergarten, Vorschule und Volksschulen. Außerdem fordert der ÖAAB eine "stärkere Professionalisierung des pädagogischen Fachpersonals".

Sprachförderung: Österreichweite Definition von Mindeststandards für den Schuleintritt - bei Nicht-Erreichen ist eine verpflichtende Vorschulklasse vorzusehen. Schüler mit Sprachdefiziten sollen verpflichtende Deutschkurse absolvieren - in "integrativen Sprachschulen", die am Schulstandort angesiedelt sind. Wer keinen Kurs absolviert, erhält keine Sozialleistungen.

Lehrerausbildung: Für alle Lehramtsstudien soll es "verbindliche Aufnahmekriterien" geben, Weiterbildungsmaßnahmen "standardisiert" werden. Die Lehrer sollen von Verwaltungstätigkeiten entlastet werden, um sich auf ihre "pädagogische Kernaufgabe" konzentrieren zu können. Regelmäßig soll ihre Qualität überprüft werden. Für die Verwaltung an den Schulen soll ein neues Berufsbild geschaffen werden.

Schulautonomie: Die Schulen sollen bei Budget- und Personalfragen mehr Autonomie erhalten, die Direktoren mehr "Manageraufgaben" bekommen. An den Schulen soll es - neben Direktor und Lehrern - ein "mittleres Management" geben". Fernziel" ist die "Voll- bzw. Teilrechtsfähigkeit" für Schulen.

Elitenförderung: In jedem Bundesland sollen "Begabtenschulen" oder auch nur "Begabtenklassen" ausgebaut werden. In den Sommerferien soll es außerdem "Sommerschulen" und individuelle Förderung geben.

Nachmittagsbetreuung: Ausgebaut werden soll das Angebot bei der Nachmittagsbetreuung - allerdings auf freiwilliger Basis.

Bildungsbudgeting: Analog dem Gender Budgeting sollen die gesamtstaatlichen Ausgaben auf ihre Relevanz für Bildung und Ausbildung überprüft werden.

Schulsanierung: Gefordert wird ein "Sanierungsprogramm" für die nächsten zehn Jahre, um die Schulen etwa für die Nachmittagsbetreuung tauglich zu machen.

Hochschulen und Erwachsenenbildung: Diese Punkte sollen erst im für den Herbst geplanten zweiten Teil des Konzepts enthalten sein. Bereits jetzt fix: Die Meisterprüfung soll zum Hochschulstudium berechtigen.

"SPÖ soll sich stark bewegen"

Eine "Wende in der ÖVP-Bildungspolitik" soll das neue Bildungskonzept  bringen. ÖAAB-Chef und Außenminister Michael Spindelegger (VP) forderte die SPÖ bei einer Pressekonferenz auf, sich "ebenfalls stark zu bewegen" und ein eigenes Konzept vorzulegen, das dann diskutiert werden könne.

Die wesentlichen Themen des den Schulbereich umfassenden Bildungskonzepts seien mit Vizekanzler Josef Pröll (VP) besprochen, betonte Spindelegger. Er nehme an, dass es in den nächsten Monaten einen offiziellen VP-Kurs gebe. Gleiches solle nun die SPÖ erarbeiten. Anschließend könne dann ein bildungspolitischer Dialog zwischen den Koalitionspartnern stattfinden, der auf VP-Seite von Wissenschaftsministerin Beatrix Karl geführt werden soll.

Keine Gesamtschule, dafür leichterer Wechsel zwischen Hauptschule und AHS

Eine gemeinsame Schule der Zehn- bis 14-Jährigen hält Spindelegger für "falsch", den Begriff "Gesamtschule" will er überhaupt hinter sich lassen. Stattdessen sollen die Hauptschulen ein "Up-Grading" erfahren und zu "neuen Aufstiegsschulen" werden. Sie sollen bedarfsorientiert zusätzlich Sprachen anbieten - durch jährliche Prüfungskommissionen ("Audit") soll jederzeit ein Wechsel von der Hauptschule in die AHS möglich werden. An den Schulen sollen nicht nur Lehrer im Einsatz sein, sondern etwa auch Sozialarbeiter für Angelegenheiten, die die Pädagogen überfordern.

Im Herbst soll der zweite Teil des Konzepts vorliegen. Dieser wird den Hochschulbereich sowie die Erwachsenenbildung beinhalten.

Schmied erfreut und enttäuscht

Sowohl Freude als auch Enttäuschung hat das neue ÖAAB-Bildungskonzept bei Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SP) ausgelöst. Einerseits sei es eine "große Freude, dass die ÖVP bildungspolitisch endlich ein Lebenszeichen gibt", so Schmied.

"Hohe Übereinstimmung" ortet die Ministerin beim Thema Schulautonomie, Einführung eines mittleren Managements an den Schulen, Managementaufgaben für Direktoren, Lehreraus- und -fortbildung und Nachmittagsbetreuung. Letzteres würde sie aber noch durch ein Angebot an Ganztagsschulen mit einer verschränkten Abfolge von Unterrichts- und Betreuungsteil im städtischen Bereich ergänzen.

"Fortschrittliche Kräfte nicht durchgesetzt"

"Schade" findet es Schmied, dass sich die "fortschrittlichen Kräfte" bei der gemeinsamen Schule noch nicht durchgesetzt haben. "Was als Upgrading der Hauptschulen dasteht, ist nicht mein Konzept", so die Ministerin. Sie lese diesen Teil "auch sehr als Wien-Kritik". Schmieds Konzept ist nach vor die gemeinsame Schule der Zehn- bis 14-Jährigen. Ende Juni werde es dazu eine erste Evaluierung der Schulversuche zur neuen Mittelschule geben.

Jährliche Prüfungskommision für Schulwechsel "völlig überzogen"

Den Vorschlag des ÖAAB von jährlichen Prüfungskommissionen für einen Wechsel von der Hauptschule in die AHS sieht Schmied als "völlig übertriebene und überzogene Maßnahme" und "zu holzhammermäßig". "Schade" sei auch, dass das Thema Integration beim ÖAAB ausschließlich auf das Thema Sprache fokussiere. Natürlich sei Sprachförderung zentral, gleichzeitig solle aber auch das Interkulturelle stärker herausgearbeitet werden. "Mit der Keule der Streichung von Sozialleistungen zu drohen, halte ich für überzogen."

Kritik von der Gewerkschaft und Grünen

Auch die Gewerkschaft übt Kritik an dem ÖAAB-Bildungskonzept. "Es nutzt nichts, wenn theoretisch während oder nach der Hauptschule an AHS oder andere Schultypen gewechselt werden kann - es ist schwer zu befürchten, dass das in der Praxis weiterhin nicht passieren wird", sagt ÖGB-Vizepräsidentin Sabina Oberhauser in einer Aussendung.

Dem Grünen-Bildungssprecher Harald Walser fehlt bei den ÖAAB-Vorschlägen das Konzept. Die ÖVP würde nur neue Hürden für sozial schwache Familien errichten, so Walser in einer Aussendung. "Nicht die Eliten brauchen Förderung, sondern alle Kinder haben ein Recht darauf, die beste Ausbildung zu erhalten", so Walser.

BZÖ ortet Bewegung in der ÖVP

BZÖ-Bildungssprecherin Ursula Haubner ortete in einer Aussendung "erstmalig Bewegung" in der ÖVP - "wenn auch nur in einigen unbestrittenen Punkten, wie etwa bei der Begabtenförderung". Erst in nächster Zukunft werde sich zeigen, "ob es wieder einmal nur beim Reden und Ankündigen bleibt oder ob die ÖVP wirklich Akzente im Bildungsbereich setzen wird". (APA/red)

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    ÖAAB-Chef Spindelegger fordert unter anderem auch "Begabtenklassen" zur Elitenförderung.

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