Eisdecken eines versunkenen Pannoniens

10. Mai 2010, 18:03
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Die Verlagswelt vergisst auf ihre größten Autoren: Danilo Kiš wäre heuer 75 Jahre alt geworden

Belgrad - Die Zufälligkeiten diverser Gedenk- und Geburtstage boten bis vor kurzem eine sichere Gewähr, an verblasste literarische Großtaten erinnert zu werden. Verlagshäuser begriffen es als ihr nobelstes Anliegen, den Buchmarkt mit der Neuauflage vergriffener Titel in Schwebe zu halten.

Literatur ist ein Archiv: Die Verlage gebieten über die Greifbarkeit verjährter Titel, die sie aus guten Gründen für maßgeblich halten. Umso unverständlicher die Manie, junge, womöglich interessierte Leser auf die Segnungen des modernen Antiquariats zu stoßen - oder lieber gleich mit einem desinteressierten Achselzucken den eigenen Lizenzrechten den Rücken zu kehren.

Der serbisch-ungarische Jahrhundertdichter Danilo Kiš (1935-1989) ist ein solcher exemplarischer Fall: Kiš' Todestag hätte sich im vergangenen Jahr zum 20. Mal wiederholt. Genauso gut hätte Hanser in München aber auch auf den 22. Februar des laufenden Jahres Bezug nehmen können, um mit prächtigen Wiederauflagen für das Romanwerk dieses ruhelosen, schwierigen, im besten Sinne weltbürgerlichen Autor zu werben. Kiš wäre, so ihn nicht der Lungenkrebs bereits 1989 getötet hätte, heuer 75 Jahre alt geworden.

Kiš ist - und bleibt notwendigerweise - ein Rätsel. Seine Reputation gründet sich auf eine Prosa, in deren absoluter Verknappung die Schrecken des 20. Jahrhunderts aufgehoben sind.

Der Sohn eines ungarischen Juden entstammt der Vojvodina; seine Jugend verbrachte er in Ungarn. Die Fanale der Pogrome - als etwa 1942 die Juden in Novi Sad in die Donau gestoßen wurden, um hilflos gegen die Eisdecke zu prallen - werden in Romanen wie Garten, Asche oder Sanduhr umspielt.

Aber kann man hier überhaupt von "spielen" sprechen? Kiš drückt die Masse überwältigender Erfahrungen zurück. Er unterwirft sie scheinbar "objektivierenden" Verfahren: Er wühlt im Stoff der Erinnerungen, um aus Plunderstücken, aus Archivarien und missachteten Relikten das verlorene "Pannonien" der Elternwelt wiederzuerrichten.

Kiš gehört zu den Kartografen eines zentral- und osteuropäischen Raums, der vielleicht erst im Moment des unwiederbringlichen Verlusts überhaupt als solcher erfahrbar wurde. Mit Ein Grabmal für Boris Dawidowitsch (1976), einem merkwürdig verzwirbelten Nekrolog auf die Säuberungsopfer des Stalinismus, erregte er in Jugoslawien nachhaltig Anstoß. Titos multi-ethnischer Sozialismus war eben doch kein Garant für ein friedfertiges Zusammenleben. Kiš verließ seine "Heimat" in Richtung Frankreich.

Auf Deutsch greifbar sind von ihm aktuell zwei Titel. (Ronald Pohl, DER STANDARD/Printausgabe, 11.05.2010)

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    Danilo Kiš, Nonkonformist aus unruhiger Zeit.

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