Die lange Reise zum Wiener Arbeitsmarkt

6. Mai 2010, 19:20
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Jahrelang haben sie in Brasilien als Zahnmediziner gearbeitet. In Österreich dürfen sie das nicht - der Weg zur Nostrifikation ihrer Ausbildung kann Jahre dauern

Studium, Berufserfahrung und Deutschkenntnisse genügen für Migranten oft nicht: Eine Ausbildung anerkennen lassen, kann in Österreich Jahre dauern

Wien – Auf dem Papier war Leonardo Fleischmann schon immer Österreicher. Der Enkel eines österreichischen Auswanderers ist in Brasilien geboren und aufgewachsen. In die Heimat seines Großvaters zu gehen, diesen Traum hat er lange gehegt und Anfang 2009 mit seiner Frau Carolina verwirklicht. Die Fleischmanns sind durchaus vorbildliche Zuwanderer: Beide haben Zahnmedizin studiert und jahrelang in dem Beruf gearbeitet; sie haben in Österreich Deutschkurse belegt, Arbeit gesucht – und gefunden. Bis sie hier als Mediziner arbeiten können, stehen ihnen aber noch einige Semester Studium bevor. Ihre Ausbildung muss erst nostrifiziert werden.

Viele sind unter Qualifikationsniveau beschäftigt

67 Prozent aller arbeitslosen Akademiker in Wien sind Migranten, besagt der aktuelle Integrationsmonitor der Stadt. Wie die Fleischmanns, die derzeit als Zahnarztassistenten arbeiten, sind außerdem viele unter ihrem Qualifikationsniveau beschäftigt, weiß Norbert Bichl vom Wiener Beratungszentrum für Migranten, das – unterstützt vom Wiener ArbeitnehmerInnen Förderungsfonds (waff) – Zuwanderern hilft, ihren Platz auf dem österreichischen Arbeitsmarkt zu finden.

Ärzte oder Architekten können hier nur arbeiten, wenn ihre Ausbildung anerkannt wird. Auch wer als Pädagoge oder Krankenpfleger von der Stadt angestellt werden will, muss nachweisen, dass seine Ausbildung dem österreichischen Niveau entspricht. Gerade für Kindergartenpädagogen aus dem Ausland eine absurde Situation: Haben sie doch im Gegensatz zu den österreichischen Kollegen meist studiert.

"Bloß wie Hilfsarbeiter"

Viele Firmen würden zudem versuchen, durch die Einstellung von Zuwanderern Geld zu sparen, sagt Bichl: "Oft werden Facharbeiter aus dem Ausland beschäftigt, deren Ausbildung hier nicht anerkannt ist, denn laut Kollektivvertrag müssen sie bloß wie Hilfsarbeiter bezahlt werden."

Schlechte Beratung

Die Fleischmanns haben bereits erste Hürden, etwa zu Carolinas Aufenthaltstitel, genommen – und dabei auch schlechte Erfahrungen gemacht. "Wir wurden oft respektlos behandelt und nicht richtig beraten." Das kostete Zeit, Geld, Nerven. Dabei ergehe es ihnen wegen des österreichischen Namens besser als anderen, meinen sie.

Lernstoff auf Deutsch bereitet Bauchweh

Während Carolina erst einmal weiter in einer Zahnarztpraxis arbeiten und Deutsch lernen möchte, beginnt Leonardo im Herbst mit dem Nostrifizierungsprozess an der Uni Innsbruck. Er muss Prüfungen über das gesamte Studium absolvieren, dann entscheidet ein Professor, was nachzuholen ist. Nicht nur der umfangreiche Lernstoff auf Deutsch bereitet ihm Bauchweh: "Ich habe schon viele komische Geschichten gehört, vor allem über Ausländerfeindlichkeit an den Unis."

Drei Jahre kann es dauern

Ein, zwei, vielleicht auch drei Jahre wird es dauern, bis Leonardo in Österreich als Arzt arbeiten kann. Auf Carolina, die hofft, in vier Jahren die Staatsbürgerschaft zu erhalten, wartet der gleiche Prozess. "Wir dachten, es wäre ein bisschen einfacher", sagen die beiden – "aber für unsere Zukunft hier nehmen wir das in Kauf."(Andrea Heigl, DER STANDARD Printausgabe 6.5.2010)

  • Carolina und Leonardo Fleischmann haben in Brasilien jahrelang als Zahnmediziner gearbeitet. In Österreich dürfen sie das nicht - der Weg zur Nostrifikation ihrer Ausbildung kann Jahre dauern
    foto: standard/andy urban

    Carolina und Leonardo Fleischmann haben in Brasilien jahrelang als Zahnmediziner gearbeitet. In Österreich dürfen sie das nicht - der Weg zur Nostrifikation ihrer Ausbildung kann Jahre dauern

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