Wir Hellenen?

3. Mai 2010, 10:52
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Können wir aus Hellas’ Tragödie lernen? „Griechen“ in uns und unter uns.

Griechen-Bashing ist in, und die Hiebe sind nicht ganz unverdient. Lebenslange Waisenrenten unverheirateter oder geschiedener Beamtentöchter wurden zum Symbol sorgloser Prasserei von Phäaken auf Kosten tüchtiger und sparsamer Nord- und Mitteleuropäer. Wir bekämpfen umso erbitterter, was wir uns selbst schmerzlich versagen – oder weniger meisterhaft beherrschen: schamlos erfolgreich Schwindeln und „über die Verhältnisse leben.“

Doch „Griechen“ sind in uns und unter uns. Auch wir geben diesen Versuchungen tagtäglich nach: Kärnten ist Österreichs Griechenland und unser Pensionssystem (nicht nur in Kärnten) voll verführerisch „griechischer“ Praktiken – nicht nur für Militär, Polizei, Bahn, Bauern, Beamte, (National) Banker, Altpolitiker und Sozialbürokraten. Die Hypo-Alpe-Adria allein kostet uns mehr Steuereuros als Athen.

Eine Kärntner A-Beamtin bezieht 350.000 Euro mehr Pension als eine Bundesbeamtin und diese ebenso viel mehr als eine Akademikerin in der Privatwirtschaft – und wir Österreicher mit 525.000 bis 608.000 Dollar Lebenspensionssumme 39% mehr als Deutsche, 45% mehr als OECD- und 127% mehr als US-Bürger. Solche „Ruhegenüsse“ trotz Rekordfrühpensionen (90% vor 65) heißen bloß, dass trotz höchstem implizitem Beitragssatz (31%) an die PV-Kassen 30% der zugesicherten Pensionen nicht gedeckt sind; bei 24% Beitragslücke im Privat- und 49% im öffentlichen Sektor.

Doch während sich Frankreich alarmiert, 2050 könnte jede fünfte Pension nicht mehr aus Beiträgen gedeckt sein, bleiben wir bei jeder dritten 2010 ungedeckten Pension ultracool ungerührt. Ist das gelebter Stoizismus – oder doch bloß Blödheit, Todessehnsucht und Lust am Untergang, Funèbre mit Pomp&Trara?

Griechenland ist illiquid und insolvent. Ersteres wird durch Hilfspakete von IWF und EU vertagt und kritische Zeit gewonnen, Letzteres wohl nur durch Umschuldung aufzufangen sein. Strauss-Kahn’s Deflations-Szenario – Senken von Nominallöhnen und Preisen – wird bei weiterer Realitätsleugnung nicht funktionieren. Proteste gegen überlebensnötige Austerität erinnern an die Schrott-Airline Sabena: Piloten streikten noch am allerletzten „Werktag“ für höhere Gagen.

Was sonst ist aus der griechischen Tragödie zu lernen? Schwindeln geht leicht; aber nie dauerhaft. Billiges Geld konsumieren statt investieren ist sündteuer – es vernichtete in den USA seit 2000 Privatvermögensbildung von 20 Jahren. Zum Abbremsen der Schuldendynamik bräuchte Athen bis 2014 sechs Prozent Budgetüberschuss: Noch nie hat ein Staat so kurzfristig 20% Haushalt eingespart.

Mit Deflation droht anhaltende Wachstumsschwäche, wobei ein Prozent weniger Wachstum minus 20% Altersvorsorge oder zusätzliche fünf bis sechs Jahre länger arbeiten bedeutet. Auch außerhalb Griechenlands sind die alternsbedingten Ausgaben 20 Mal die Kosten von Finanzcrash und Weltwirtschaftskrise; also jedes Jahr bis 2030 die Kosten der Notpakete 2009. Ohne einheitliche EU-Wirtschaftspolitik wird sich der Euro längerfristig auflösen, und zwar von der „harten“ Nord-Euro-Währungszone her. Und der Süden könnte „Argentinien“ ab 2001 werden – hoffentlich ohne fünf Präsidenten in 13 Tagen und gewalttätige Cacerolazo mit zig Toten. (Bernd Marin, DER STANDARD; Printausgabe, 4.5.2010)

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