Stille Revolution auf internationalen Gasmärkten

25. April 2010, 19:21
13 Postings

Immer mehr Importeure von Gas wollen das starre Korsett langfristiger, an den Ölpreis gebundener Verträge mit Lieferländern wie Russland sprengen

Immer mehr Importeure von Gas wollen das starre Korsett langfristiger, an den Ölpreis gebundener Verträge mit Lieferländern wie Russland sprengen. Teilerfolge sind bereits zu sehen, die Konsumenten aber spüren noch wenig.

***

Wien - Trotz eines Überangebots an Gas, wie man es in ähnlicher Dimension in Europa noch nicht gesehen hat, wird mit Hochdruck an neuen, milliardenteuren Leitungen gearbeitet, durch die zusätzliches Gas nach Westeuropa strömen soll. Seit dem Wochenende ist fix, dass Österreich auf zwei Hochzeiten tanzen wird.

Neben dem von Brüssel protegierten Pipelineprojekt Nabucco, das den Transport von Gas aus der kaspischen Region nach Westeuropa vorsieht, wird sich Österreich auch in das russische Projekt South Stream einklinken. Ein entsprechendes Abkommen zwischen Österreich und Russland ist am Samstag bei einem Besuch des russischen Premiers Wladimir Putin in Wien unterzeichnet worden. Über South Stream (siehe Grafik) soll ab 2015 russisches Gas in Umgehung von Ländern wie Ukraine und Weißrussland nach Italien und über einen zweiten Strang nach Österreich gelangen.

Ob die seit Baubeginn der ersten Exportpipelines üblichen Langfristverträge mit Ölpreiskoppelung damit einzementiert werden, lässt sich derzeit nicht abschätzen. Wenn ja, wäre das wohl zum Nachteil der Kunden, sagen Kritiker.

"Kunden merkten bisher nichts"

"Derzeit ist eine stille Revolution auf den Großhandelsmärkten im Gang", erklärt der Energieexperte der heimischen Regulierungsbehörde E-Control, Michael Schmöltzer, dem STANDARD. "Still deshalb, weil die Kunden bisher nichts davon gemerkt haben."

Große Gasimporteure wie Eon Ruhrgas in Deutschland, GDF Suez in Frankreich oder Eni in Italien haben in Verhandlungen mit dem Hauptlieferanten, der russischen Gasprom, durchgesetzt, dass sie gewisse Mengen an Gas auf den zurzeit deutlich billigeren Spotmärkten beschaffen können. Die Rede ist von 15 bis 20 Prozent, für die sie laut Take-or-pay-Verträgen an und für sich Gasprom im Wort sind.

Während langfristig bezogenes, ölpreisindexiertes Gas an der Grenzübertrittsstelle derzeit rund 25 Euro je Megawattstunde (MWh) kostet, bewegen sich die Spotgaspreise bei weniger als 15 Euro je MWh - eine Differenz von zwei Drittel.

Gleichschaltung gerät "allmählich ins Wanken"

"Bisher war der Großhandel gleichgeschaltet, eine Differenzierung beim Preis war wegen der Ölpreisbindung kaum möglich", sagte Schmöltzer. "Das gerät jetzt allmählich ins Wanken."

Während Großabnehmer aus der Industrie bereits 2009 günstigere Konditionen mit ihren Lieferanten - in Österreich Econgas, Kelag (Kärnten), Salzburg AG und Steirische Gas Wärme - vereinbaren konnten, haben Haushalte und Gewerbebetriebe bisher noch nichts von der Verbilligung am Spotmarkt gehabt.

Schmöltzer geht davon aus, dass das Überangebot an Gas in Europa noch einige Zeit bestehen bleibt. Grund ist die Konjunktur, die nur schleppend anspringt, aber auch erhebliche Mengen an Schiefer- und Flüssiggas, die auf den europäischen Markt drängen. Die Statistik zeigt, dass kurzfristig handelbare Mengen (Spotgas) schon seit Mitte 2002 durchwegs günstiger sind als langfristig geordertes Gas. (Günther Strobl, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26.4.2010)

Kommentar

Angst vor dem Markt - Von Günther Strobl

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Neben dem OMV-Projekt "Nabucco" wird sich Österreich auch in das russische Projekt "South Stream" einklinken.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Bei der Vertragsunterzeichnung am Samstag: Russlands Premier Wladimir Putin und Österreichs Kanzler Werner Faymann (stehend, v.l.) sowie der russische Energieminister Sergej Schmatko und sein österreichischer Amtskollege Reinhold Mitterlehner (sitzend, v.l.).

  • Artikelbild
    grafik: standard
Share if you care.