"Überlegen, damit ich nichts Sinnloses tue"

23. April 2010, 12:23
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Rechnungshof-Chef Josef Moser erklärt, warum schon seine Geburt effizient war, und er ein Jahrzehnt für die FPÖ arbeitete, aber nie Parteimitglied wurde

Rechnungshof-Chef Josef Moser hat sich ganz der Kontrolle verschrieben. Warum schon seine Geburt effizient war, und er ein Jahrzehnt für die FPÖ arbeitete, aber nie Parteimitglied wurde, eruierte Renate Graber.

STANDARD: Mir ist im Lift aufgefallen, dass in jedem Stockwerk ein Rechnungshof-Leitspruch an der Wand steht. Wirkt fast sektenhaft.

Moser: Im Gegenteil. Wir schaffen Transparenz, keine Mystik.

STANDARD: Erklären Sie das auf dem Foto hier in Ihrem Büro auch dem Papst? Er und Heinz Fischer hören Ihnen offenbar gebannt zu.

Moser: Das wurde beim Papstbesuch in Wien aufgenommen. Ich habe dem Papst erklärt, dass die internationale Rechnungshof-Organisation Intosai, der auch der Vatikan-Rechnungshof angehört, seit dem Tsunami die Verwendung von Spendengeldern verstärkt kontrolliert.

STANDARD: Sie sind Kärntner, kamen mit 15 ans Theresianische Gymnasium der Militärakademie Wiener Neustadt. Offizier wurden Sie entgegen Ihrem Plan nicht...

Moser: Die Aufgabenstellung hat mich woanders hingebracht. Ich wollte Jus studieren und mein Kremser Handball-Verein hat mir eine Wohnung fürs Studium in Wien organisiert. Wobei: Als Fünfjähriger wollte ich unbedingt Sängerknabe werden. Aber meine Mutter hat‘s nicht erlaubt.

STANDARD: Am Internat herrschten sicher strenge Zucht und Ordnung?

Moser: Es war sehr streng. Sechs Uhr aufstehen, Betten lüften, 1500 Meter laufen, dann Waschraum...

STANDARD: Kaltes Wasser?

Moser: Sicher. Dann Standeskontrolle im Zimmer, hat man sich noch einmal aufs bereits gemachte Bett gesetzt, hat man eine Strafe ausgefasst. Dann Morgenstudium, Frühstück. Ein enges Korsett – aber mir hat das nicht geschadet.

STANDARD: Warum nicht?

Moser: Weil ich durch den Sport die Möglichkeit hatte, das Korsett zu verlassen. Ich war an Wochenenden bei Handball-Spielen; Judo, Fechten haben den Alltag versüßt. Der Sport hat viel abgefedert.

STANDARD: Ich habe unlängst Johannes Ditz interviewt, er kommt aus Niederösterreich und war bei denSchulbrüdern in Wien im Internat. Er sagte, er hatte sehr großes Heimweh. Sie auch?

Moser: Anfangs schon, ich war ja das vierte Kind und ein Nachzügler, es war für die Mutter und mich schwer, als ich weggegangen bin. Meine Eltern waren zunächst auch sehr dagegen. Aber ich wollte das so, habe mir die Schule auch selbst ausgesucht. Ich dachte, ich muss die Bindung lockern.

STANDARD: Ich frage, weil Sie alle als extrem korrekt und penibel beschreiben, als idealen Kontrollor. Kommt das von damals?

Moser: Ich habe im Internat gelernt, mit allen Situationen fertig zu werden, Hartnäckigkeit und Eigenständigkeit entwickelt. Kann ich am Rechnungshof gut brauchen. Ich habe die Aufgabe, zu prüfen, zu empfehlen, Nachhaltigkeit zu schaffen, ohne Parteipolitik zu betreiben – und kann meinen Beitrag für die Gesellschaft leisten.

STANDARD: Klingt plakativ-altruistisch.

Moser: Ist aber so. Ich kann zum Positiven verändern, bewegen, effizienter machen, das ist meine Antriebsfeder.

STANDARD: Und Sie waren immer schon so ein Sparmeister? Als Direktor des FPÖ-Parlamentsklubs haben Sie ja sogar den Inhalt des Kühlschranks kontrolliert.

Moser: Sparmeister ist übertrieben. Ich war das vierte Kind, habe mein Studium mit Sport finanziert, mein Geld genau eingeteilt – diesen Lebensstil pflege ich heute noch. Ich habe mich bei meinen Bedürfnissen nicht verändert.

STANDARD: Sie verdienen rund 15.000 Euro im Monat – und kein bisserl Luxus? Leben Sie noch in der Dachwohnung, wo einst Gernot Rumpold Ihr Nachbar war?

Moser: Ja. Und ich habe ein Wochenendhaus im Südburgenland. Und wegen des Kühlschranks: Die FPÖ-Abgeordneten haben den Klub als Versorgungsstation gesehen, auch was das Essen betraf. Sie haben ihre Beiträge gezahlt, die Ausgaben mussten sich im Rahmen halten. Kontrolliert habe ich den Kühlschrank-Inhalt aber nicht; ich hatte Leute, die mit Maß und Ziel eingekauft haben.

STANDARD: Sie sind Kärntner, aber in Lienz zur Welt gekommen...

Moser: Ja, ich kam in Osttirol zur Welt, das war zweckmäßig...

STANDARD: Sie waren schon als Baby effizient?

Moser: (lacht) Natürlich: Ich bin ein Musterbeispiel dafür, dass man nicht in unmittelbarer Nähe zwei Gebärstationen braucht, nur damit Kinder in dem Bundesland zur Welt kommen, in dem sie aufwachsen. Ich bin in Lienz geboren, wuchs aber in Kärnten auf.

STANDARD: Sie sagen, dass Sie als Rechnungshof-Chef Objektivität und Qualität der Prüfungen gewährleisten müssen, damit die Kontrollen Folgen zeitigen. Kontrolle ende aber da, wo ihre Kosten höher werden als der Nutzen, den sie stiftet...

Moser: Ja, es ist wie bei allem im Leben: Wenn du etwas tust, muss das in einer optimalen Kosten-Nutzen-Relation stehen. Kontrolle darf kein Selbstzweck sein. Wir wollen erreichen, dass Fehler, die wir aufzeigen, nicht nochmal gemacht werden. Darum entwickeln wir Leitlinien, Kernaussagen für wirtschaftlich effizientes Arbeiten. Wir müssen, etwa bei der Gesundheit oder Pflege, Geld effizienter einsetzen, um Spielräume zu schaffen für die Finanzierung künftiger Anforderungen.

STANDARD: Geht es wirklich immer nur um Kosten und Nutzen?

Moser: Nein. Aber wenn ich eine Handlung setze, muss ich doch überlegen, welchen Sinn sie hat, damit ich nichts Sinnloses tue.

STANDARD: Ist doch so schön, etwas richtig Sinnloses zu machen.

Moser: Soll aber nicht überwiegen.

STANDARD: Tun Sie je Sinnloses?

Moser: Ja. Tischfußball.Wenn wir in Besprechungen vertieft sind, unterbreche ich manchmal und sage: „Gemma kurz wutzeln". Der Sinn davon ist, den Kopf schnell frei zu bekommen für ein Thema.

STANDARD: Hat so ja wieder Sinn.

Moser: Schon, aber man könnte die Zeit auch anders verbringen.

STANDARD: Sie fordern seit Ihrem Amtsantritt 2004 eine Verwaltungsreform. 2009 haben sie 315 Empfehlungen zur Effizienzsteigerung der öffentlichen Hand abgegeben. Wird die Politik angesichts der Krise endlich handeln?

Moser: Alle fünf Fraktionen haben sich zur Strukturreform bekannt. Länder und Gemeinden sehen, dass die Mittel nicht mehr für ihre Aufgaben reichen und wollen Beratung. Das Bewusstsein ist da.

STANDARD: Kommentieren Sie die Steuerreformpläne der Regierung?

Moser: Nein, das ist nicht unsere Aufgabe. Sicher ist, dass etwaige einnahmenseitige Maßnahmen alleine nicht ausreichen, um Budget und Aufgaben des Staates sicherzustellen. Österreich braucht eine Strukturreform, je länger wir warten desto größer wird der Bedarf.

STANDARD: Das sagen Sie aber schon seit 2004.

Moser: Steter Tropfen höhlt den Stein. Wie gesagt: Das Bewusstsein steigt.

STANDARD: Sie betonen stets die Unabhängigkeit des Rechnungshofs. Sie selbst haben zehn Jahre für den FPÖ-Parlamentsklub gearbeitet – warum waren Sie eigentlich nie Parteimitglied?

Moser: Weil ich keiner bin, der sich total festmacht; ich war auch nie bei Vereinen. Ich will Eindrücke in jede Richtung gewinnen und weiß, dass niemand die Wahrheit gepachtet hat.

STANDARD: Sie legen sich nicht fest?

Moser: Doch, ich bin festgelegt: Ich will bewegen, daher muss ich möglichst viele Menschen in meine Vorhaben einbinden, mehr Freunde als Gegner haben. Dafür muss ich wissen, wie sie denken. Ich bin auch immer zu Demos gegangen früher, um zu erfahren, was die Leute antreibt. Fragen Sie, wen Sie wollen, auch politische Gegner: Ich hatte mit allen eine freundschaftliche Basis und immer lösungsorientiert gearbeitet.

STANDARD: Habe ich bei meinen Recherchen tatsächlich so ähnlich gehört. Waren Sie als FPÖ-Klub-Direktor dann auch beim Lichtermeer 1993 gegen das FPÖ-Ausländer-Volksbegehren?

Moser: Ja, sicher.

STANDARD: Sind Sie heute auch noch bei keinem Verein?

Moser: Doch: Rotarier. Da geht es auch um Sozialprojekte.

STANDARD: Sie wollen gern gut sein?

Moser: Nein. Ich will mir selbst in die Augen schauen können. Ich definiere mich nicht über meine Funktion, versuche, zum Boten so freundlich zu sein wie zum Sektionschef. Jeder von uns erfüllt eine Zeitlang eine Aufgabe, gehen wir in Pension, sind wir alle wieder gleich. Warum soll ich mir eine Welt aufbauen, die ich wieder verlasse? Ich versuche, als Rechnungshof-Präsident genauso der Moser zu sein, wie ich früher der Moser war und dann der Moser sein werde. Ich bin immer der Moser.

STANDARD: Sie sind ein Kontrollfreak, oder?

Moser: Nein, ein Freak hat etwas Überzogenes, mir geht es zudem um Qualität. Wenn schon, dann bin ich also ein Qualitätsfreak.

STANDARD: So korrekt Sie gerne sind – mit ein paar Vorwürfen aus Ihrer beruflichen Vergangenheit müssen auch Sie leben. Sie hätten noch zu Jörg Haiders Zeiten ein Parteispenden-Kuvert an FPÖ-Anwalt Dietmar Böhmdorfer übergeben und später via hoher ÖBB-Gage Ihre Beamtenpension finanziert, sagt man. Ärgert es Sie, das heute noch zu hören?

Moser: Nein, solche Vorwürfe sind Teil des politischen Geschehens. Ich habe das alles längst richtig gestellt.

STANDARD: Mit der Eisenbahn hat damals Ihre FPÖ-Karriere begonnen. Sie waren Landesfinanzbeamter und haben 1990 in Ihrem Wohnort Krumpendorf die Bürgerinitiative „Stopp dem Bahnlärm" organisiert. Dabei hat Sie Landeshauptmann Jörg Haider entdeckt – haben Sie eigentlich den Bahnlärm gestoppt?

Moser: Sicher, es stehen dort jetzt Lärmschutzwände. Mich hat das Jobangebot als Büroleiter bei Haider fasziniert, wiewohl ich Haider gleich gesagt habe, dass ich kein FPÖ-Wähler bin.

STANDARD: Später haben Sie dann die FPÖ gewählt?

Moser: Wahlgeheimnis.

STANDARD: Das heißt ja nicht, dass Sie nicht sagen dürfen, wen Sie wählen.

Moser: Stimmt.

STANDARD: Sie haben auch einmal Kreisky gewählt, wegen seiner Bildungspolitik – obwohl Ihnen in der Schulzeit unter SP-Unterrichtsminister Sinowatz die Wien-Woche gestrichen wurde?

Moser: Ja. Ich bin aber trotzdem nach Wien gekommen, wie man sieht. Kreiskys Bildungskurs hat mir als Junger sehr entsprochen.

STANDARD: Das heutige Bildungssystem gefällt dem Rechnungshofpräsidenten weniger?

Moser: Wir haben sehr hohen Input und nur durchschnittlichen Output, unsere Schüler sind nicht wettbewerbsfähig, unser Bildungssystem wird den internationalen Anforderungen nicht gerecht. Der Rechnungshof hat gemeinsam mit anderen Institutionen Ratschläge gegeben. Reagieren muss die Politik.

STANDARD: Sie warenHaiders Bürochef, ein Jahrzehnt FPÖ-Klub-Direktor. Danach haben Sie im Rechnungshof die Home-Page von Parteifreund Karl-Heinz Grasser geprüft, die ÖBB zerpflückt. Wie geht das zusammen? Freunde verloren?

Moser: Wir prüfen wertschätzend und verurteilen nicht; dafür gibt es andere Instanzen. Und wenn jemand nicht erkennt, was meine Aufgabe ist, dann ist er kein wahrer Freund. Zahlen und Fakten habe keine Freunde, keine Feinde, und wenn ich anfange, in Freund-Feind-Schema zu kontrollieren, schädige ich den Rechnungshof. Ich muss abstrahieren.

STANDARD: War Grasser Ihr Freund?

Moser: Ist die Frage, was man unter Freundschaft versteht. Ich kenne ihn seit 1991, war mit ihm sehr gut bekannt. Aber dass ich mit ihm gemeinsam Ausflüge gemacht, etwas unternommen habe, das nicht. Also, Freundschaft in dem Sinn war es nicht.

STANDARD: Sie sind noch bis 2016 Rechnungshof-Präsident; wollen Sie danach Bundespräsident werden, wie etliche Ihrer Beobachter mutmaßen?

Moser: Also, ich sage Ihnen eines: Es gibt genug andere Menschen, die das hervorragend können...

STANDARD: Heinz Fischer?

Moser: Ich schätze ihn sehr, auch er tritt sehr für Kontrolle ein.

STANDARD: FPÖ-Kandidatin Barbara Rosenkranz?

Moser: Ich sehe es nicht als meine Aufgabe, Wahlempfehlungen abzugeben. Mir geht es jetzt jedenfalls darum, den Rechnungshof weiter zu festigen und ihn bei der Bevölkerung besser bekannt machen. 2011 wird er ja 250 Jahre alt.

STANDARD: Es heißt, Sie seien sehr gläubig; Ihre Vorbilder sind der Dalai Lama und Kardinal König?

Moser: Ja. Ich gehe auch in die Kirche, aber eher nicht zu Messen, eher zum Nachdenken. Da gehe ich nach der Arbeit durch die Stadt, mache eine Pause im Stephansdom, dann treffe ich meine Frau, wir gehen etwas trinken, und dann gehen wir heim.

STANDARD: Haben Sie gewusst, dass der Dalai Lama twittert?

Moser: lacht.

STANDARD: Wirklich: Twitter.com/Dalailama

Moser: Was Sie alles wissen.

STANDARD: Sie haben gerade die Prüfer im Haus: Deutscher, dänischer und Schweizer Rechnungshof prüfen den österreichischen. Komisches Gefühl für Sie?

Moser: Ich habe Kontrolle noch nie negativ empfunden. Wenn es was zu verbessern gibt: Je früher ich es weiß, umso besser. Und wenn ich nichts zu verbergen habe: Wovor soll ich mich fürchten?

STANDARD: Wahrscheinlich haben Sie in der Schule auch Prüfungen gefreut. Wobei: Schlechte Noten hatten Sie nicht, oder?

Moser: Doch, doch. Ich habe genau kalkuliert, wie viel ich lernen muss, das habe ich getan – und dann wieder voll dem Sport gefrönt.

STANDARD: Letzte Frage.

Moser: Gerne.

STANDARD: Worum geht's im Leben?

Moser: Darum, einen Beitrag zu leisten, damit das Leben nicht sinnlos war. Das Leben muss sich gelohnt haben, nicht nur für einen selbst. Wann das der Fall ist, das muss jeder selbst wissen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24.04.2010)

Zur Person

Josef "Jomo" Moser (54) wuchs in Kärnten auf, maturierte am Militärgymnasium Wr. Neustadt und studierte in Wien Jus. Der passionierte Sportler wurde Finanzbeamter, lernte als Obmann der Finanzakademiker Landeschef Jörg Haider kennen, wurde 1991 sein Bürochef. 1992 wechselte der Mann ohne Parteibuch mit Haider nach Wien, war bis 2002 Direktor des FPÖ-Parlamentsklubs. Gerüchte, er habe eine Parteispende weitergereicht, weist er zurück.

Nach einem Intermezzo im ÖBB-Vorstand wurde der Vater einer Tochter 2004 zum Rechnungshof-Chef gewählt.

  • "Ich versuche, als Rechnungshof-Präsident genauso der Moser zu sein, wie
ich früher der Moser war und dann der Moser sein werde. Ich bin immer
der Moser."
    foto: standard/regine hendrich

    "Ich versuche, als Rechnungshof-Präsident genauso der Moser zu sein, wie ich früher der Moser war und dann der Moser sein werde. Ich bin immer der Moser."

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