Trotz Studentenzahl-Verdoppelung "nicht auf der Bremse"

23. April 2010, 10:41
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Für neuen BOKU-Rektor Gerzabek sind Zugangsbeschränkungen nur "Ultima ratio" - Sorge vor Verdrängungseffekten

Wien - Trotz einer seit 2001 verdoppelten Studentenzahl (rund 9.000) und einem der höchsten Studentenzuwächse im laufenden Studienjahr steht die Universität für Bodenkultur (Boku) Wien "nicht auf der Bremse". Die Job-Aussichten der Absolventen seien "relativ gut", in den meisten Studien übersteige die Nachfrage die Absolventenzahl, die im Vorjahr erstmals die 1.000-Marke durchbrochen hat, erklärte der neue Boku-Rektor Martin Gerzabek. Zugangsbeschränkungen sind für Gerzabek deshalb nur die "Ultima ratio".

Gerzabek, der am Freitag Nachmittag feierlich in sein Amt inauguriert wird, bereiten die "zunehmenden Tendenzen" in Richtung Zugangsregelungen Sorgen. So würden schon jetzt knapp 40.000 Studienanfänger im tertiären Bereich ein Studium mit Zugangsregelungen aufnehmen, etwa an Fachhochschulen. Ihnen stünden 65.000 Erstsemestrige gegenüber, die an Institutionen mit freiem Zugang studieren, vor allem an Unis. "Wenn sich das noch weiter verschiebt, wird es Verdrängungseffekte geben, die auch andere Unis treffen können", plädiert Gerzabek für eine Gesamtstrategie für den tertiären Bildungssektor.

Wie lange reichen die Ressourcen?

Für die Boku stelle sich derzeit die Frage, "wir wir mit den bestehenden Ressourcen noch vernünftige Studienbedingungen anbieten können". Schließlich stehe der Verdoppelung der Studierendenzahl seit 2001 nur eine siebenprozentige Steigerung des bundesfinanzierten Personals gegenüber. Einen wesentlichen Teil der Lehre müssten Drittmittel-Angestellte übernehmen. "Das lässt sich nicht mehr weiter ausbauen, da wird es notwendig sein, die Lehre entsprechend finanziell abzusichern", so Gerzabek. Aus volkswirtschaftlicher Sicht wäre es "keine schlechte Investition", mehr Ressourcen in "Zentralthemen der Zukunft" wie erneuerbare Energie, nachwachsende Rohstoffe, Ernährungssicherheit, Wasserressourcen oder Entwicklung ländlicher und städtischer Räume zu stecken, auf die sich die Boku konzentriere.

Moderate Studiengebühren "vernünftig"

Der Rektor schließt allerdings Beschränkungen nicht aus: Es könnte der Tag kommen, "an dem wir sagen, wir können nicht mehr anders". Derzeit bevorzuge man an der Boku aber einen "weicheren Weg" in Form von Studieneingangsphasen mit Information und eventuell Selbsttests, damit die Studenten beurteilen können, was sie erwartet und ob das gewählte Studium etwas für sie ist. "Moderate Studiengebühren", wie es sie bereits gab, hält Gerzabek dagegen für "durchaus vernünftig", sie seien ein "kleiner Lenkungseffekt in die positive Richtung". So habe die durchschnittliche Studiendauer an der Boku in der Zeit der Studiengebühren um ein Semester abgenommen.

Kein Geld: Deshalb Vorlesung im Kinosaal

Mit zur Attraktivität der Spezial-Uni hat sicher auch deren massiver Ausbau beigetragen: Zuletzt wurde 2009 in der Muthgasse in Wien-Döbling das neue Biotechnologie-Zentrum eröffnet, in Tulln entsteht ein Universitäts- und Forschungszentrum mit 45 Hektar Versuchsflächen, das 2011 fertig sein soll. Das wird auch Entlastung am Hauptstandort der Boku auf der Türkenschanze in Wien-Währing bringen, wenngleich auch hier hoher Erneuerungs- und Sanierungsbedarf besteht. "Echte Probleme" gibt es laut Gerzabek im Vorlesungsbereich, wo die Boku für große Vorlesungen derzeit in Kinosäle ausweicht. Die Pläne für ein neues Vorlesungsgebäude existieren schon länger, "wir wissen aber nicht, woher wir das Geld nehmen sollen".

Ziel: Führende Uni im Life Science-Bereich

International sieht Gerzabek die Boku "im guten Mittelfeld". Sein Ziel, die Boku zu einer der führenden Universitäten im Life Science-Bereich zumindest in Mitteleuropa zu machen, sei in manchen Bereichen wie der Biotechnologie oder nachwachsenden Rohstoffen bereits erreicht. Schwachstellen ortet er keine, man müsse versuchen, in Summe noch besser zu werden. Dazu sei es notwendig, in den Exzellenzprogrammen des FWF erfolgreich zu sein, was nach "einer gewissen Durststrecke" seit kurzem gelinge. So hat die Boku einen Spezialforschungsbereich und ein Doktoratskolleg an Land gezogen, auch bei Christian-Doppler-Labors- und dem COMET-Programm sei man erfolgreich gewesen. (APA)

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    Kategorisch ausschließen möchte der neue BOKU-Rektor Gerzabek Zugangsbeschränlungen nicht: Es könne der Tag kommen, "an dem wir sagen, wir können nicht mehr anders."

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