"Unsere Milch ist moralisch einwandfrei"

16. April 2010, 19:45
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Ist in heimischen Lebensmittelregalen sicher keine Gentechnik versteckt? Molekularbiologin Renée Schroeder und Arge-Gentechnikfrei-Geschäftsführer Florian Faber waren im Supermarkt

Wien - Vor dem Kühlregal des Supermarkts, wo die meisten Kunden das Ablaufdatum kontrollieren, sucht Renée Schroeder das Logo "Gentechnikfrei erzeugt". Die Molekularbiologin findet es auf einer Milchpackung - und schüttelt den Kopf. Die Gestaltung des Zeichens weckt ihr Unverständnis, denn "Gen" und "frei" sind in großen Buchstaben geschrieben, "Technik" und "erzeugt" aber relativ klein. "Welche Botschaft soll ich da als Konsumentin mitnehmen, wenn ich auf den ersten Blick nur lese, dass Milch genfrei ist?" Selbstverständlich sei kein tierisches oder pflanzliches Produkt genfrei.

Auf einer Plastikflasche ist die Botschaft schon klarer zu erkennen: "Gentechnikfrei" steht da auf dem Schraubverschluss. Alles sehr gut lesbar - auch für Brillenträger. Aber selbst das beruhigt Schroeder nicht, weil sie durch Gentechnik ja auch nicht wirklich beunruhigt ist. "Ich kann das nicht von vornherein verteufeln. Es handelt sich hier um ein Herstellungsverfahren. Mir ist wichtig, welche Qualität das Produkt am Ende hat. Wenn die zufriedenstellend ist, habe ich mit Gentechnik wirklich kein Problem." Eine doch eher provokante Stellungnahme in einem Land wie Österreich, das seit 1998 als erstes in Europa strenge Gentechnikfrei-Kontrollen im Lebensmittelbereich eingeführt hat und sich seither als Bollwerk gegen Gentechnik präsentiert.

Österreich hat nämlich nicht nur den Anbau modifizierter Pflanzen verboten. Bauern, die ihre Produkte als "Gentechnikfrei" ausloben, werden außerdem streng kontrolliert und bei Verfehlungen mit Sanktionen belegt. Zwar muss ein Milch-, Fleisch- oder Hendl-Bauer, der nicht das Prädikat "gentechnikfrei" beansprucht, nicht mit Strafen rechnen, wenn er Futtermittel mit gentechnisch veränderten Zutaten wie Soja oder Raps verwendet, sagt Florian Faber, Geschäftsführer der Arge Gentechnikfrei. Der Handel verweigere aber aus Prinzip Produkte mit dem von der EU vorgeschriebenen Logo "enthält Gentechnik".

Schroeder hat dafür zwei Erklärungen: "Es sind entweder religiöse Gründe", sagt sie, "was von Gott, von der Natur nicht gemacht wurde, ist böse. Oder die jahrelange einseitige Propaganda der Grünen hat diffuse Ängste in den Menschen geweckt - eine Angst vor dem Unbekannten." Das Zeichen "Gentechnikfrei erzeugt" sei in jedem Fall ein werbewirksamer Unbedenklichkeitsnachweis: "Kauft unsere Milch, denn sie ist moralisch einwandfrei."

Symbol der Sicherheit

Faber glaubt auch, dass sich viele Konsumenten in ihrer Kaufentscheidung nach diesem Symbol richten, aber aus ganz anderen Gründen: Österreichische Konsumenten würden auf "gentechnikfrei" achten, "weil sie damit Sicherheit verbinden." Etwa hundert heimische Unternehmen würden sich dafür entscheiden, diesen Stempel auf ihren Produkten anbringen zu lassen, was mit Aufwand und zusätzlichen Kosten für die Kontrolle verbunden ist. Für Faber eine konsequente Haltung. Er sehe "absolut keinen Sinn darin, Lebensmittel aus gentechnisch modifizierten Stoffen auf den Markt zu bringen."

Der Mehrwert sei nicht erwiesen. Die Skepsis dagegen nach wie vor angebracht. Gesundheitliche Folgen könne man nicht völlig ausschließen. Wenngleich Faber von jener Panikmache Abstand nehmen möchte, die in heimischen Boulevardzeitungen mitunter unvermittelt auftaucht. "Niemand fällt tot um, wenn er einmal in eine gentechnisch veränderte Tomate beißt."

Das glaubt auch Renée Schroeder nicht, die im Supermarkt über die Frage sinniert, ob in Österreich wirklich keine Produkte aus manipulierten Stoffen am Markt sind. "Tampons sind aus gentechnisch modifizierter Baumwolle. Oder T-Shirts. Ich kann Gentechnik hierzulande nicht essen oder trinken, aber anziehen kann ich sie ganz sicher", meint sie. Ein für Faber vollkommen unzulässiger Vergleich. "Die österreichischen Regelwerke zur Gentechnik beziehen sich ausschließlich auf Lebensmittel."

Schroeder bleibt lange vor dem Kühlregal stehen und wundert sich auch über die Politik der Unternehmen. Ein Biomarke, die das Zeichen "Gentechnikfrei" auf manchen Produkten hat, auf manchen nicht. "Würde ich es nicht besser wissen, dann müsste ich mir jetzt denken, dass dort, wo ich kein Logo entdecken kann, Gentechnik drinnen ist."

Vielmehr noch kritisiert die Wittgenstein-Preis-Trägerin aber die recht weit verbreitete Österreichsymbolik auf Marken, die Vermittlung von Heimat als ausschlaggebendes Qualitätskriterium. Aber das ist wirklich eine andere Geschichte. (Peter Illetschko, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17./18.4.2010)

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