"Wer schnell studiert, wird bestraft"

16. April 2010, 14:33
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Marian Kogler, der mit 15 Jahren Österreichs jüngster Akademiker war, würde die Matura abschaffen und die Unis besser finanzieren

Hochbegabt, Schulstufen übersprungen, mit 15 Jahren jüngster Hochschulabsolvent an der TU Wien (Informatik), mit 17 Diplomingenieur, und heute mit 18 Jahren schon Universitäts-Assistent an einer deutschen Uni. Wer über Marian Kogler – der schon vielfach auch als "Wunderkind" bezeichnet wurde, auch wenn ihm dieser Ausdruck nicht behagt – spricht, kann nur Superlative verwenden.

Dem nicht genug: dieser Tage hat Kogler auch seine erste Autobiographie vorgestellt, in der er Einblicke in das Leben eines Hochbegabten gewährt. Wer aber glaubt, dass mit dem Steigen des Intelligenzquotienten automatisch die Probleme im Schulalltag verschwinden, der wird darin eines besseren belehrt: Feststellungsprüfungen in Turnen und Chemie, Raufereien und Mobbing im Klassenverband, Betragensnoten, Unverständnis der Lehrer – auch das gehörte zur Schullaufbahn von Marian Kogler. Verständlich, dass er deshalb auch viele Ansätze zur Verbesserung des Bildungssystems hat, die er in seinem Buch konkretisiert.

Dazu zählen etwa eine Qualitätskontrolle bei Lehrern, eine Lockerung der Anwesenheitspflichten, Abschaffen der Matura und des Sitzenbleibens. Koglers Befund an den Universitäten ist nicht besser: "Die österreichischen Universitäten sind in einem beklagenswerten Zustand. Geldmangel führt zu ungünstigen Betreuungsverhältnissen, zu verfallenden Gebäuden und schlechten Arbeitsbedingungen." Auch ein Grund, warum Kogler nun in Deutschland seine wissenschaftliche Karriere fortführt. Im Gespräch mit derStandard.at erzählt er, warum er gegen Studiengebühren ist und sich bei den Lehrern oft unbeliebt gemacht hat.

derStandard.at: Sie sind hochbegabt. Woran zeigt sich das – merken Sie sich Dinge schneller?

Marian Kogler: Nein, das wäre ein fotografisches Gedächtnis. Wenn ich mir einmal etwas ansehe, merke ich es mir nicht automatisch. Hochbegabung ist einfach dadurch definiert, dass man bei Intelligenztests überdurchschnittlich gut abschneidet. Äußern tut sich Hochbegabung dadurch, dass man Zusammenhänge schneller versteht, Dingen besser folgen kann, neugierig ist und kreative Ideen hat.

derStandard.at: Sie haben mit 18 Jahren schon sehr viel erreicht und werden von vielen Leuten bewundert. Wann wird denn die Hochbegabung zur Belastung?

Marian Kogler: Es kann natürlich in der Schule bei sozialen Situationen eine Belastung sein. Ansonsten habe ich es aber meistens als Bereicherung empfunden.

derStandard.at: Man nimmt immer an, dass Hochbegabte generell unterfordert sind. Welche Dinge fallen Ihnen denn schwer?

Marian Kogler: Ich lerne Sprachen sicherlich nicht leichter als ein durchschnittlicher Schüler. Der Turnunterricht war zu meiner Schulzeit auch so eine Sache. Ich hatte einmal eine Feststellungsprüfung, weil ich angeblich wegen der Uni zu oft gefehlt habe. Ich würde es sinnvoller finden, dass man im Turnunterricht die Sportarten wählen kann, die einem am meisten zusagen. So könnte man die Schüler dazu bringen, viel Bewegung zu machen und auch Spaß daran zu haben.

derStandard.at: Hat Österreich einen Nachholbedarf in Sachen Begabtenförderung?

Marian Kogler: Es ist sicher ein Problem, dass nicht alle Eltern und Lehrer einer Hochbegabung positiv gegenüber stehen. Es gibt teilweise Lehrer, die sagen: eine Klasse zu überspringen ist Gift, und die verhindern das dann auch. Deshalb sollte man hier auch bei der Lehrerausbildung ansetzen und von Anfang an die Junglehrer damit konfrontieren, wie man Hochbegabung erkennt und damit umgeht.

derStandard.at: Haben Sie immer nur aus Interesse gelernt oder auch der Noten wegen?

Marian Kogler: An der Uni kann ich jetzt zum Glück frei meine Fächer auswählen. In der Schule habe ich in den Fächern, die mich nicht interessiert haben, gerade einmal so viel gelernt, dass es für eine positive Note gereicht hat.

derStandard.at: In Ihrem Buch fordern Sie unter anderem eine Qualitätsüberprüfung von Lehrern aber auch die Lockerung der Anwesenheitspflicht an Schulen. Wie passen diese Ideen mit ihrer zielstrebigen Bildungskarriere zusammen?

Marian Kogler: Im Schulsystem sollte den Leuten generell mehr zugemutet werden, es sollte aber auch mehr Entscheidungsfreiheit geben. Schüler sollen in die Schule, weil sie gerne lernen, und nicht weil sie gezwungen werden.

derStandard.at: Sie schlagen auch vor, das Sitzenbleiben und die Matura abzuschaffen. Wie stellen Sie sich das vor?

Marian Kogler: Ich halte es für falsch, jemanden, der etwa die 5. Klasse Geographie nicht geschafft hat, das ganze Jahr und alle Fächer noch einmal wiederholen zu lassen. Ähnlich bei der Matura: Im letzten Teil der 8. Klasse wird die Zeit nur mehr für Wiederholen verwendet. Ich würde es für sinnvoller halten, zu sagen, wenn man ein gewisses Niveau in einem gewissen Fach erreicht hat, dann hat man die Matura. Das kann dann in unterschiedlichen Fächern zu unterschiedlichen Zeitpunkten sein. Sobald ich in einem Fach die Reife erreicht habe, kann ich mich dann etwa auch schon für Einführungslehrveranstaltungen an der Universität inskribieren.

derStandard.at: Mit 18 Jahren haben Sie jetzt ihr Doktorratsstudium angefangen und studieren und lehren neuerdings in Deutschland an der Universität Halle-Wittenberg. Wieso der Schritt nach Deutschland?

Marian Kogler: Ich war bisher an der TU Wien als Studienassistent tätig, habe aber dann mein Studium abgeschlossen. Ab da darf man dann nicht mehr als Studienassistent tätig sein. In meinem Fachbereich gibt es allerdings keine Assistentenposten , das wäre die Möglichkeit gewesen nach dem Abschluss als Diplomingenieur weiterhin an der Uni unterzukommen. Um in meinem Bereich eine Anstellung zu finden, musste ich nach Deutschland gehen. In Halle wusste ich, dass es eine aktive, gute Forschungsgruppe gibt.

derStandard.at: Sie sprechen sich auch gegen Studiengebühren und für einen freien Hochschulzugang aus. Außerdem plädieren Sie dafür, das Studienbeihilfensystem zu verändern und allen 14 Semester lang die Studiengebühren rückzuerstatten, unabhängig davon, wie lange und wieviele Studien jemand betreibt. Warum?

Marian Kogler: Es soll niemand durch den Rost fallen. Wenn wir keine Studiengebühren haben, dann kann auch der, der mit 30 ein Studium beginnt und nebenbei einen Job und Familie hat, sich das Studium leisten. Das Stipendiensystem gehört unter anderem deshalb geändert, weil man derzeit bestraft wird, wenn man schnell studiert oder ein Studium studiert, das kürzer dauert.

derStandard.at: Falls Wissenschaftsministerin Beatrix Karl oder Bildungsministerin Claudia Schmied Sie um Rat und Hilfe bitten würden bei der Reform des Bildungssystems, würden sie zusagen?

Marian Kogler: Ich glaube nicht, dass sie das tun würden. Aber grundsätzlich würde ich gerne meine Vorschläge auch Politikern erklären. Ich bin mir dessen bewusst, dass viele davon nicht auf Gegenliebe stoßen werden und meine Ansichten nicht sehr verbreitet sind. (Teresa Eder/derStandard.at, 16.04.2010)


 

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    Der Pressesprecher der TU-Wien, Werner Sommer, vergleicht Informatik-Student Kogler mit dem "Road Runner" (aus der Trickfilmserie Looney Tunes).

  • Marian Kogler: Gemischte Gefühle und anderer Zeitvertreib. 
Erfahrungen und Einsichten eines Hochbegabten, Seifert Verlag
ISBN: 978-3-902406-71-2, Preis: 19,90 Euro
    foto: verlag seifert

    Marian Kogler: Gemischte Gefühle und anderer Zeitvertreib. Erfahrungen und Einsichten eines Hochbegabten, Seifert Verlag

    ISBN: 978-3-902406-71-2, Preis: 19,90 Euro

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    Marian Kogler neben einem Computer seiner Leistungsklasse: dem schnellsten der TU Wien.

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