"Informationslieferanten lügen heute mehr denn je"

9. April 2004, 16:04
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Der Journalisten- nachwuchs ist für Thomas Chorherr heute genauso gut oder schlecht wie früher

Im relativ schütter besetzten Hörsaal 1 des Institutes für Publizistik- und Kommunikationswissenschaften war am 11. April der ehemalige Chefredakteur und Mitherausgeber der "Presse", Thomas Chorherr, zu Gast.

Wie die vorigen Gäste Jens Tschebull und Thaddäus Podgorski wurde auch Thomas Chorherr gebeten, sich zur aktuellen Krise im Journalismus zu äußern. Anders als seine Vorredner wollte Chorherr allerdings nicht von einer Krise des Journalismus an sich sondern von einer Krise der Zeitungen sprechen, die in erster Linie ökonomischer Natur sei.

Elektronische Medien seien zwar eine Konkurrenz für die Printmedien, aber das geschriebene Wort sei immer noch mindestens soviel wert wie das elektronische: der Schwerpunkt liege dort vermehrt auf detaillierten Analysen und Kommentaren.

"Menschliche Kommunikation" nehme ab

Ein weiteres Problem sieht Chorherr im Abnehmen "menschlicher Kommunikation" zwischen den Ressorts und Abteilungen, die durch die vermehrte Verständigung über email zustande käme.

Zudem werde seitens der Informationslieferanten heute mehr gelogen denn je und man habe als Journalist kaum die Möglichkeit, den Wahrheitsgehalt der Informationen nachzuprüfen. Hier lobte er auch die Redaktionen von STANDARD und "Kurier", die sich für unnachgeprüfte Meldungen entschuldigen, sie aber trotzdem abdrucken um ihren Lesern keine Informationen vorzuenthalten. Der langgediente Journalist erinnert sich, daß auch der Umgang mit Politikern heute schwieriger geworden ist - v.a. im Vergleich zur Ära Kreisky, wo ein wirklich lockeres Verhältnis zu den Ministern geherrscht habe.

Journalistennachwuchs heute genauso gut oder schlecht ist wie früher

An eine Qualitätskrise der Arbeit der JournalistInnen glaubt Thomas Chorherr nicht, er lobt die AbsolventInnen von Lehrredaktionen und dem Institut für PKW ausdrücklich und stellt generell fest, daß der Journalistennachwuchs heute genauso gut oder schlecht ist wie früher. Das wichtigste sei immer noch gründliche Recherche die junge JournalistInnen auch lernen würden.

Er verwies auch auf das bekannte Dilemma der Färbung der Berichterstattung durch die Entscheidung, welche Informationen nicht veröffentlicht werden. Hier kritisierte er die aktuelle Berichterstattung zum Irakkrieg, die fast ein bisschen zu einseitig amerikakritisch sei.

"Chorherr, des Bladl is zum Oaschauswischn"

Die Problematik der versuchten Einflussnahme seitens der Zeitungsherausgeber illustrierte er anhand Anekdote: er selbst sei als Chefredakteur einmal von einem Herausgeber mit den Worten "Chorherr, des Bladl is zum Oaschauswischn" angerufen worden - danach habe sich dieser mit der Begründung entschuldigt, er sei es Gästen, die sich beschwert hatten, schuldig gewesen.

Insgesamt schien Thomas Chorherr die aktuelle Lage des Journalismus weniger kritisch zu beurteilen als seine Vorredner, machte aber eindrucksvoll vor dem Hintergrund einer langen Karriere im Journalismus auf generelle Probleme seines Fachs aufmerksam.

Ansichtssache

"Elder Statesmen"
Thomas Chorherr am 11. April


Von Franziska Rieder.

Die Autorin ist Teilnehmerin der Lehrveranstaltung "Elder Statesmen" am Institut für Publizistik- und Kommunikations- wissenschaft.
  • Artikelbild
    foto: alina weidmann
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