Siegen à la Alinghi

11. April 2003, 19:54
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Der Schweizer Sieg beim America's Cup kam nicht von ungefähr - Fünf Regeln führen zum Erfolg - Kolumne von Antonella Mei-Pochtler

Wenn du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, sondern erwecke in ihnen Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer." Ob Ernesto Bertarelli an diese Zeilen von Saint-Exupéry dachte, als er vor gut einem Monat für die Schweiz die begehrteste Segeltrophäe der Welt in Händen hielt? Bertarelli und seine Mannschaft hatten Geschichte geschrieben. Was Sir Thomas Lipton, der Kugelschreiber-Baron Bich und Prada-Boss Bertelli vergeblich versucht hatten - die Schweizer Alinghi hat es gleich beim ersten Versuch geschafft: den America's Cup nach 152 Jahren für Europa zu erobern.

Gegen alle Widerstände

Jeder von uns träumt davon, etwas Großes zu leisten. Der Erfolg der Alinghi zeigt uns die Voraussetzungen, um das Unmögliche möglich zu machen. Erstens: Gegen alle Widerstände und Skeptiker verfolgte Bertarelli das Ziel, die Welt mit dem Gewinn des America's Cup zu überraschen. Er schaffte es, Passion und Vision durch ein herausforderndes Ziel zu katalysieren, Hoffnung in leidenschaftliche Arbeit für den Erfolg umzusetzen.

Zweitens: Das Unerreichbare stimuliert die Träume, aber erst der ausgeklügelte Plan macht daraus umsetzbare Visionen. Mit einem Budget von 70 Mio. Dollar über einen Zeitraum von 2,5 Jahren und unter Einbindung von 15 Forschern von zwei Top-Unis ließ Bertarelli das wohl weltbeste Boot bauen. Es wurde geklotzt statt gekleckert. Wie ein globales Unternehmen hat Bertarelli das 95-köpfige Team aus 15 Ländern geführt - seine Erfahrung als erfolgreicher CEO von Serono war außerdem entscheidend.

Keine Kompromisse

Drittens: Keine Kompromisse bei der Teamauswahl. Ein "All-Star-Team" wurde frühzeitig zusammengestellt und bis zuletzt nicht verändert. Der wohl weltbeste neuseeländische Skipper wurde vom Titelverteidiger-Boot abgeworben, der Ausnahmesegler und ehrgeizige Perfektionist Jochen Schümann als Sportdirektor engagiert, der Rest der Crew in einem gnadenlosen Auswahlverfahren zusammengestellt.

Viertens: Aus hervorragenden Individualisten hat Bertarelli durch seine Fähigkeit zur Integration unterschiedlicher Nationalitäten ein eingeschworenes Dream-Team zusammengeschweißt. Durch bewusste Delegation hat er das Beste aus den Spezialisten herausgeholt. Selbst der höchste Glücksmoment - den "Auld Mug" auf 4478 m Meereshöhe am Matterhorn zu deponieren - blieb einem Crewmitglied vorbehalten.

Disziplin und Spaß

Fünftens: Disziplin und Spaß sind keine Gegensätze - sie ergänzen sich. Bertarelli, der 37-jährige Explayboy und Biotechunternehmer lebte es vor. Als Präzisionsfanatiker führte er ein hartes Regiment, ohne Lust und Leidenschaft zu kurz kommen zu lassen. Sechstens: Ein General muss ins Feld gehen. Das wusste bereits Clausewitz. Bertarelli war bei jedem Rennen als erfahrener Navigator mitten im Geschehen. Vom Schreibtisch aus lässt sich die Umsetzung einer großen Vision nicht durchführen.

Was heißt das konkret? Jede Vision ist nur so gut wie ihre Umsetzung. Erst das Zusammenspiel aller sechs Elemente macht das Unmögliche möglich. Das gilt für den Segelsport ebenso wie für Wirtschaft, Wissenschaft und Politik. Bertarelli hätte Serono nicht zum größten europäischen Biotechunternehmen machen, Watson nicht die DNA entschlüsseln und Michail Gorbatschow nicht den Eisernen Vorhang zum Einsturz bringen können, wenn sie nicht das "Wunder der Ausführung" (Clausewitz) beherrscht hätten. (DER STANDARD Print-Ausgabe, 12.4.2003)

Dr. Antonella Mei-Pochtler ist Senior Partnerin von The Boston Consulting Group BCG) und Leiterin des Wiener Büros. kolumne.at@bcg.com
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    montage: derstandard.at
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