Menschen werden länger arbeiten müssen

13. April 2010, 14:04
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Krise beschleunigt Wandel der Arbeitswelt - 30 Prozent der Pensionsantritte aus Arbeitslosigkeit

Wien - Der Arbeitsmarkt befinde sich seit vielen Jahren im Umbruch, die Krise habe die Entwicklungen beschleunigt, erklärte Arbeits- und Sozialminister Rudolf Hundstorfer (SPÖ) bei der Buchpräsentation "Die Zukunft der Arbeit" in Wien. "Die Zukunft kommt rascher, als wir glauben wollen", meinte er. Bereits 2015 fehlen in Österreich laut Statistik Austria 40.000 15-Jährige - derStandard.at/Karriere berichtete. "Da ist die Migration von rund 30.000 Menschen pro Jahr bereits miteinberechnet", so Hundstorfer in einem Nachsatz.

Auch die Lebensarbeitszeit werde sich verändern und die Menschen werden länger im Arbeitsleben bleiben, so der Sozialminister. Als flankierende Maßnahmen fordert er unter anderem den Ausbau von Gleitpensionen sowie ein Umdenken der Wirtschaft, die auch mehr Arbeitsplätze für ältere Menschen anbieten soll. "An einer Verlängerung der Lebensarbeitszeit führt kein Weg vorbei", meinte auch Buchautor und Zukunftsforscher Peter Zellmann. Den Wandel der Arbeitswelt verbindet der Leiter des Wiener Instituts für Freizeit- und Tourismusforschung mit der Veränderung der Lebensstile der Menschen. Die Bildungs- und Ausbildungssysteme hinken dieser Entwicklung teilweise dramatisch hinterher.

"Jugendkult beendet"

Hundstorfer ortet hingegen auch gewisse Defizite der Wirtschaft: "30 Prozent der heutigen Pensionsantritte erfolgen aus der Arbeitslosigkeit." Sie erfolgen nicht immer freiwillig. Außerdem betonte er, dass "der Jugendkult beendet ist; immer öfter seien auch 50-, 60- oder 70-Jährige für die Werbung interessant". Man müsse nicht nur bei der Grundausbildung neue Wege gehen, sondern auch bei den Bildungseinrichtungen der Generation "50plus".

Lebenslanges Lernen gehört für Hundstorfer zur modernen Arbeitswelt. "Auch ich habe - nicht freiwillig - erst mit 55 Jahren gelernt, wie man eine Bank verkauft", meinte er mit einem Augenzwickern bezüglich des Verkaufs der BAWAG durch den Österreichischen Gewerkschaftsbund (ÖGB). Dass die Arbeitsmarktpolitik vor allem an der Ausbildung ansetzen muss, zeigt sich daran, dass 40 Prozent der arbeitslos gemeldeten als höchste Schulbildung nur einen Hauptschulabschluss aufweisen können - und oft auch den nicht. Der Grundsatz habe sich nicht geändert, dass man mit höherer Bildung auch bessere Jobchancen hätte. Dass der Arbeitsmarkt in Bewegung ist, belegt laut Hundstorfer auch die Zahl von 580.000 Personen bei rund 3,2 Millionen Beschäftigen in Österreich, die im Vorjahr einen neuen Arbeitsplatz angetreten haben.

Die Zukunft der Arbeit könne man nicht ohne die Sicherung der Sozialsysteme diskutierten, meinte der Sozialminister, der dabei auf derzeit rund 800.000 Teilzeitbeschäftigte verwies. "Diese Zahl wird rasch auf 1 Million ansteigen", ist der Minister überzeugt. "Ich bin nicht teilzeitkrank", verdeutlichte Hundstorfer die Diskrepanz zwischen der derzeitigen Finanzierung der Sozialsysteme, die lediglich auf das Einkommen abstellen, und der Leistung der Krankenkassen.

Zellmann will in seinem Buch Denkanstöße für neue Ideen anbieten - derStandard.at/Karriere berichtete - und damit den Horizont für mögliche Lösungen erweitern. So treffe die Regelarbeitszeit von 40 Stunden pro Woche, die im vorigen Jahrhundert konzipiert wurde, nur mehr auf knapp 50 Prozent der Erwerbstätigen zu. Die Entwicklung zeige in Richtung des sogenannten "Flexicurity" - also unter anderem der Flexibilisierung der Arbeitszeit.

Zur Diskussion über ungleiche Bezahlung von Männer und Frauen meinte der Zukunftsforscher, dass dies in erster Linie mit der unterschiedlichen Bewertung von Berufsgruppen zusammenhänge und dass Frauen diese Berufe oft ausüben würden. In diesem Zusammenhang verwies der Sozialminister allerdings darauf, dass Frauen oft auch auch in ähnlich Positionen deutlich weniger verdienen würden als Männer. (APA)

Siehe

Interview mit Peter Zellmann: Viele werden etwas anderes tun: "High Touch statt High Tech"

Interview zum kippenden Jobmarkt 2015: "Der Effekt der Personalpolitik ist klein

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