Sprachproblem soll Absturz verursacht haben

13. April 2010, 16:52
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Fluglotse: Piloten der Präsidentenmaschine konnten kaum Russisch

Laut Angaben des russischen Fluglotsen Pavel Plusnin, der den Landeanflug der polnischen Präsidentenmaschine überwachte, gab es erhebliche Kommunikationsprobleme zwischen dem Tower in Smolensk und der Besatzung der Tupolew 154, bei deren Absturz am Samstag alle Passagiere und Besatzungsmitglieder getötet wurden.

"Sie taten sich mit den Zahlen schwer, weshalb ich nicht feststellen konnte, in welcher Höhe sie fliegen", sagte Plusnin dem Nachrichtenportal Livenews.ru.  Die von Arkadiusz Protasiuk (36) gesteuerte Maschine streifte schließlich im Landeanflug mehrere Baumwipfel und stürzte ab, warum der Funkverkehr nicht wie international üblich auf Englisch abgewickelt wurde, war vorerst unklar.

Polen nehmen Abschied

In Warschau haben am Dienstag tausende Polen Abschied von Lech Kaczynski genommen. Vor dem Präsidentenpalast, wo die Särge des Staatsoberhaupts und seiner Frau aufgebahrt wurden, lagen Berge von Blumen. Nach einer Trauerfeier für alle 96 Opfer der Flugzeugkatastrophe sollen die beiden am Sonntag in einem Staatsbegräbnis in Krakau beigesetzt werden.

Die sterblichen Überreste Kaczynskis waren bereits am Sonntag nach Polen überführt worden, am Dienstag wurde auch der Leichnam der Präsidentengattin Maria Kaczynska zurück in die Heimat gebracht. Der Sarg der First Lady wurde von einer Ehrengarde und Familienmitgliedern am Warschauer Flughafen in Empfang genommen wurde. Als Erste kniete die 30-jährige Tochter des Präsidentenpaares vor dem Sarg nieder, gefolgt vom Bruder des Präsidenten, Jaroslaw Kaczynski. Tausende Menschen säumten am Dienstag die Strecke vom Flughafen bis zur Innenstadt von Warschau, um der beliebten First Lady das letzte Geleit zu geben. Die 67-jährige Maria Kaczynska war in Polen unter anderem wegen ihres Engagements für Frauenrechte sehr beliebt. Ihre Leiche war am Montag am Ehering identifiziert worden. Vor dem Präsidentenpalast hatten sich bereits seit dem Morgen tausende Menschen versammelt, um von dem Präsidentenpaar Abschied zu nehmen.

Geheime Informationen

Der polnische Geheimdienst plant nach einem Bericht der Zeitung "Rzeczpospolita" zu untersuchen, ob die russische Seite am Ort der Tragödie wichtige Dokumente an sich nahm. "Wir wissen noch nicht, welche Informationen die Passagiere mit an Bord nahmen und ob darunter auch geheime Informationen waren", sagte ein Agent des Inlandsgeheimdienst ABW der Zeitung. Es könne passiert sein, dass auch NATO-Unterlagen nun in die Hände des russischen Geheimdienstes gelangt seien, so "Rzeczpospolita".

Polens Verteidigungsminister Bogdan Klich sagte gegenüber Radio Zet, am Samstag seien sofort alle Smartphones und Mobilfunk-Karten der Flugpassagiere gesperrt worden ,um den Zugang zu Informationen zu verhindern. Geheime Dokumente seien nicht an Bord der Maschine gewesen, so Klich.

Moskau: Flugzeug technisch fehlerfrei

Die russischen Behörden haben derweil eine technische Panne als Grund für den Absturz des Flugzeugs mit dem polnischen Präsidenten Lech Kaczynski erneut ausgeschlossen. Die Triebwerke hätten bis zum Aufprall der Maschine vom Typ Tupolew TU-154 nahe der westrussischen Stadt Smolensk einwandfrei gearbeitet. Das sagte die Leiterin des Internationalen Luftfahrtkomitees in Moskau, Tatjana Anodina, am Dienstag nach Angaben der Agentur Interfax. Auch ein Brand oder eine Explosion an Bord würden nach der Auswertung des Flugschreibers und der Untersuchung der Trümmer ausgeschlossen.

Laut Anodina wurde am Absturzort ein weiterer Flugschreiber geborgen. Die Aufzeichnungen würden gemeinsam mit polnischen Behörden ausgewertet. Russlands Chefermittler Alexander Bastrykin sagte, die Untersuchungen bei Smolensk würden noch mindestens drei Tage in Anspruch nehmen. Noch immer finde man in dem abgesperrten weitläufigen Waldstück persönliche Gegenstände der fast 100 Absturzopfer. Der Pilot sei am vergangenen Samstag mehrfach auf die schlechte Wetterlage hingewiesen worden und habe trotzdem den verhängnisvollen Landeversuch unternommen, betonte Bastrykin. Der Abschlussbericht werde die wichtigsten Fragen beantworten, sagte er.

Präsidentenwahl so spät wie möglich

Der nach dem Flugzeugunglück von Smolensk amtierende polnische Präsident Bronislaw Komorowski will die Wahl des Staatsoberhaupts so spät wie möglich ansetzen. Der letzte mögliche Termin sei der 4. Juli, sagte Komorowski am Montag im polnischen Fernsehen. Er werde in den kommenden Tagen die Parteien nach ihren Präferenzen befragen. Sollte dies kein Ergebnis bringen, neige er zu dem spätmöglichsten Termin. Am Dienstag kommt das Parlament in Warschau zu einer Sondersitzung zusammen.

Der polnische Präsident Lech Kaczynski war am Samstag bei einem Flugzeugabsturz nahe der russischen Stadt Smolenk ums Leben gekommen. Parlamentspräsident Komorowski von der Regierungspartei Bürgerplattform des Ministerpräsidenten Donald Tusk übernahm die Geschäfte. Turnusgemäß war die Präsidentenwahl im Oktober geplant gewesen. Komorowski hätte dabei Kaczynski Umfragen zufolge geschlagen. (red/Reuters/APA)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Am Montag veröffentlichtes Satellitenbild der Unfallstelle. Rechts unten sind die Überreste der Tupolew zu erkennen

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