Burgtheater: Mit Latten und Musketen

12. April 2010, 17:22
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Matthias Hartmann schlägt eine szenische Schneise durch Leo Tolstois "Krieg und Frieden": Bericht von den Probenarbeiten für vier Probevorstellungen

Wien - Jede Annäherung an Leo Tolstois Monumentalroman Krieg und Frieden verheißt den Beteiligten als Preis das Scheitern: Nur dem Tüchtigen, der Bonaparte nicht fürchtet, der den Pulverdampf auf diversen Schlachtfeldern nicht scheut, winkt die Zarenkrone. Burg-Direktor Matthias Hartmann, der Regisseur dieser Romanbearbeitung, wird daher nicht müde, die Vorläufigkeit seiner Bemühungen zu betonen.

Ab 14. April kann man vorerst vier "öffentliche Proben" im leergeräumten Kasino am Schwarzenbergplatz besuchen. Die angestrebte Offenheit der Form nötigt zu einer scheinbar einfachen, geradezu schlichten Erzählweise: Auf einem langen, schmalen Steg aus lauter graulackierten Tischen finden sich die Vertreter der Sankt Petersburger Aristokratie herausgeleuchtet wieder.

Die Fürstinnen und Kavaliere verabreichen Tolstois geschmeidige Gesellschaftsprosa in handlichen Satzhappen, wie Konfektstücke. Sprechen bei Bedarf (also häufig) von sich in der dritten Person und treten, von einem Lakaien in rosa Livree (Fabian Krüger) beflissen vorgestellt, in improvisiert wirkenden Familienaufstellungen zusammen.

Hartmann selbst hält auf der Probe die Balance - zwischen amüsierter Beobachtung und kritischer Verwaltung der für tauglich erachteten szenischen Lösungen. "Kutusow, du kommst zuerst!" , ruft er in die Tiefe des Kasinos. Man schreibt das Jahr 1805; die russische Armee unter der Leitung ihres ingeniösen Generals (Ignaz Kirchner mit Augenklappe) gerät auf österreichischen Boden und bekommt einen ersten Vorgeschmack auf die Dreikaiser-schlacht von Austerlitz.

Zwei Offiziere in grauen Armeemänteln bellen einander widersprüchliche Befehle ins Gesicht; die gerade nicht involvierten Schauspieler knallen mit Holzlatten auf den Boden, was den Eindruck unkoordinierten Musketenfeuers erweckt.

Die ganz große Weltgeschichte ist in Hartmanns Lesart die kleinere Kleinigkeit: ein heraufziehendes Chaos, mit einem blassen Gespenst als Willensträger der freien politischen Kräfte in der Türe.

Napoleons (Udo Samel) schemenhafter Auftritt mit Zweispitz reizt das Gelächter des Regisseurs: "Also wenn das keine Ironie hat, dann ist die ganze Szene sinnlos!" Das wirkliche Kampfgeschehen findet nämlich weit weg, in den Petersburger Salons, statt. Dort echauffieren sich Französisch parlierende Aristokraten beiderlei Geschlechts ganz furchtbar über den legitimen Erben der Französischen Revolution.

Raffinierter Karneval

Hier nun schlägt auch die Stunde der zärtlichen Ironie: Schauspieler wie Franz J. Csencsits (als Fürst Kuragin) stecken im Frack wie in Wachs gegossen. Schauspielerinnen wie Mareike Sedl lassen Tolstois physiognomische Beschreibungen wie frisches Brunnenwasser an sich abfließen. Die Bedeutung dieser "Teile aus dem Ersten Buch von Leo Tolstoi" (eingerichtet von Dramaturgin Amely Joana Haag) steckt im Beiseitetreten: Man hält sich die russischen Figuren wie Stabmasken vor das Gesicht. Nur augenblicksweise gelangen Figur und Schauspieler jeweils zur Deckung. Krieg und Frieden ist in einer solchen Lesart ein raffinierter Karneval: Im Knistern der gerüschten Ballkleider, das herbeizitiert, aber absichtlich nicht gezeigt wird, liegt bereits der Lärm kommender Schlachten verborgen.

Ideen zeitigen einzig dann Wirkung auf die Gesellschaft, wenn sie von Tolstois Sympathieträgern verkörpert werden. Samel ist in der Maske des korpulenten Pierre Besuchow, eines reichen Erben ohne jeden Lebenssinn, ein lippenfurzender Schalk, der den Tölpel gibt, sich fallweise als Wüstling verkleidet und doch das Hohelied der Vernunft singt. Das Drehen und Torkeln der Staffage wird von projizierten Püppchen abgebildet; Wolfgang Schlögl (Sofa Surfers) sorgt am Laptop für die Verballhornung von Rimsky-Korsakovs sirupsüßer Scheherezade.

Borschtsch und Piroggen

Die Probenarbeiten sind in eine Pause eingemündet. Hartmann: "Wie viel Spielzeit haben wir jetzt? Sollen wir die Zuschauer nach einer Stunde fünfzig pinkeln gehen lassen?" Er erzählt weiter: "Wir könnten die Zuschauer ja zu einem russischen Abendessen an die Tische bitten, zu Borschtsch und Piroggen." Er kratzt sich am Kopf: "Das Problem liegt aber darin, dass die Aristokraten das ja gar nicht gegessen haben! Die haben Französisch gedacht und gelebt!" (Ronald Pohl, DER STANDARD/Printausgabe, 13.04.2010)

Öffentliche Proben am 14., 15., 17. und 19. April, Kasino am Schwarzenbergplatz, Wien, jeweils 19 Uhr.

  • In den Petersburger Salons echauffieren sich Französisch parlierende
Aristokraten über den legitimen Erben der Französischen Revolution:
Napoleon (Udo Samel, vorn).
    foto: georg soulek

    In den Petersburger Salons echauffieren sich Französisch parlierende Aristokraten über den legitimen Erben der Französischen Revolution: Napoleon (Udo Samel, vorn).

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