Das Gedenken aus dem "dunklen Eck holen"

15. April 2010, 08:55
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Gedenken soll nicht am "Urinal" stattfinden: Eine Bürgerinitiative setzt sich dafür ein, dass die zerstörte Synagoge in Mariahilf einen angemessenen Gedenkort erhält

Gedenktafel oder Urinal? Diese Frage stellt sich Georg Schober öfters, wenn er an der Gedenktafel für die in den Novemberpogromen zerstörte Synagoge in der Schmalzhofgasse ("Schmalzhoftempel") im sechsten Wiener Gemeindebezirk vorbei geht. Als pünktlich zum 70. Jahrestag im Jahr 2008 die Schmierereien und Verunreinigungen wieder zunahmen und die Bemühungen um eine Lösung keine Früchte trugen, gründete er gemeinsam mit Petra Öllinger 2009 eine Bürgerinitiative. Das Ziel: Der geschichtsträchtige Ort solle wieder würdig gestaltet und das Gedenken im Bewusstsein der (Mariahilfer) Bevölkerung verankert werden.

"Ich habe zunächst die Beschmierungen und Verunreinigungen bei den zuständigen Stellen - der MA 7 (Kulturabteilung der Stadt Wien), allen Parteien und bei der Bezirkvorsteherin - thematisiert. Der Punkt ist: Wir haben bewusst alle Parteien informiert, aber von den wenigsten kam besonderes Engagement", kritisiert Schober gegenüber derStandard.at. Erst nach einem halben Jahr gab es den ersten Reinigungsversuch. Bei den Steinplatten gestaltete sich das aber als schwierig, wie Schober meint, da sich die Farbe tief in den Marmor reingefressen hat. Im November 2009 wiederholte sich der Vandalismus im Bereich der Gedenktafel und vor einigen Wochen kamen Aufkleber mit rechtsextremen Slogans hinzu.

Ein Dorn im Auge ist den VertreterInnen der Bürgerinitiative nicht nur die Verunreinigung. "Die Platte ist ein typisches Produkt der 80er Jahre: Grauer Marmor und schlecht leserliche rote Schrift. Außerdem wird der Ausdruck 'Reichskristallnacht' verwendet, der verharmlosend ist." Kilian Franer ist Vorstand der Mariahilfer Kulturkommission, die Vorschläge ausarbeitet und der Bezirksvertretung vorlegt. "Eine Formulierungen wie 'Reichskristallnacht', die ja fast beschönigend wirkt, würde heute niemand mehr auf eine Gedenktafel schreiben. Wenn die Kultusgemeinde eine neue Tafel will, werde ich mich dem sicher nicht verschließen", sagt er. Am 22. April ist ein Termin für ein Gespräch zwischen Kulturkommission und Bürgerinitiative angesetzt. Auch ein Vertreter der Israelitischen Kultusgemeinde ist eingeladen, wie Franer informiert. 

"Schnelle und sinnvolle Lösung"

Er hebt im Gespräch mit derStandard.at hervor, dass er ebenfalls an einer schnellen Lösung interessiert ist. "Wir haben mehrere Vorschläge eingehend betrachtet, die Direktorin des Pensionistenheims, an dem die Tafel angebracht ist und natürlich die Israelitische Kultusgemeinde miteinbezogen, die für mich eigentlich der wichtigste Ansprechpartner ist", berichtet er. Ein erster Vorschlag, auf den sich zunächst alle Parteien einigen konnten, war ein Bewegungsmelder in Kombination mit einem Spot. Die Umsetzung scheiterte in der Sitzung der BezirksvertreterInnen an einem Antrag der ÖVP auf Neugestaltung", sagt Franer. "Von unserer Seite wurde aber explizit darauf hingewiesen, dass die Beseitigung der Schäden inklusive Bewegungsmelder sowie die Neugestaltung zwei Paar Schuhe sind, weil die Neugestaltung ja nicht von heute auf morgen geht", legt ÖVP-Bezirksobmann Gerhard Hammerer seine Sicht der Dinge dar.

Seither hat sich, außer den Fassadenreinigungen, nichts mehr getan. "Für mich ist das auch unbefriedigend, wenn das eine unendlich lange Diskussion ist. Ich bin lieber für eine schnelle und sinnvolle Lösung, bei der vielleicht nach einem halben Jahr nachgebessert werden muss", sagt Franer.

Die Mariahilfer Bezirksvorsteherin Renate Kaufmann sieht die Beschmierungen eher als "dummen Lausbubenstreich", da die gesamte Fassade und nicht nur die Gedenktafel bekritzelt wurde. Seit ein Lokal mit einschlägig ausländerfeindlichem Klientel geschlossen hat, seien jedoch auch die Beschmierungen und rechtsextremen Aufkleber in der Umgebung verschwunden, beobachtete Kaufmann. Andere Maßnahmen, um die Umgebung der Gedenktafel zu verschönern, seien in der Vergangenheit gescheitert. Blumentröge wurden zerstört und Steine, die in Zusammenarbeit mit der Israelitischen Kultusgemeinde errichtet wurden, aus dem Boden gestemmt und als Wurfgeschoße missbraucht.

Lösungsvorschläge

Schober und die Mitglieder der Bürgerinitiative haben bereits Lösungsvorschläge ausgearbeitet, die sie gerne besprechen würden. Vor allem die Arbeit mit Jugendlichen der ums Eck gelegenen Kooperativen Mittelschule Loquaiplatz habe Priorität, sagt Schober: "Die Schule gab es schon 1938. Es ist wichtig, bei den Schülern dafür ein Bewusstsein zu verankern und sie zu sensibilisieren." Im April wird es ein erstes Gespräch mit der Direktorin der KMS geben.

Ein Spot in Kombination mit einem Bewegungsmelder könnte zudem Vandalen abschrecken und die Lesbarkeit der Tafel verbessern. "Ich bin zwar nur Laie, aber das Problem ist, dass ich keine Möglichkeit sehe, die Beleuchtung so anzubringen, dass sie nicht selbst Opfer von Vandalismus werden kann", sagt Schober. Der Spot könne auch weiter oben an der Fassade angebracht werden, wo er besser geschützt sei, meint Franer dazu.

Eine weitere Idee wäre, die Tafel "aus dem dunklen Eck" herauszuholen und an der Vorderseite des Gebäudes, einem Pensionistenwohnheit am Loquaiplatz, anzubringen. Vor ein paar Wochen wurde erneut eine Säuberung der Fassade vorgenommen, die Spuren der Beschmierungen ließen sich bisher jedoch nicht vollkommen entfernen. "Die versuchte Reinigung der Gedenktafel ist ein erster Schritt hin zu einer anlassgemäßen Gestaltung des Ortes, es bedarf jedoch weiterer Maßnahmen für eine dauerhafte Lösung", sagt Schober. (Julia Schilly, derStandard.at, 1. April 2010)

Wissen: Novemberpogrome 1938

Am siebten November 1938 erschoss der 17-jährige Herschel Grynszpan in Paris den Diplomaten Ernst vom Rath. Er wollte damit gegen die Verfolgung der Juden protestieren. Reichspropagandaminister Joseph Goebbels initiierte daraufhin einen "reichsweiten" gegen die jüdische Bevölkerung gerichteten Pogrom. In Wien wurden mehrere Tage lang, und nicht nur in der Nacht von 9. auf den 10. November, wie der verharmlosende Begriff "Reichskristallnacht" impliziert, 42 Synagogen und Bethäuser verwüstet und angezündet. 6.547 Wiener Juden kamen in Haft, 3.700 davon in das Konzentrationslager Dachau, viele wurden ermordet. Tausende jüdische Geschäfte und Wohnungen wurden geplündert, zerstört und beschlagnahmt. Der Ausdruck "Kristallnacht" wurde vom Volksmund geprägt und bezog sich vermutlich auf die vielen zerbrochenen Fenster und Kristallleuchter der Synagogen und Geschäfte. Schon kurz nach seiner Entstehung wurde er von den Tätern vereinnahmt.

Bürgerinitiative Mariahilfer Synagoge

  • Beschmierungen, Urinflecken: Die Gedenktafel für die in den Novemberpogromen 1938 zerstörte Mariahilfer Synagoge im Vorjahr
    foto: bi synagoge mariahilf

    Beschmierungen, Urinflecken: Die Gedenktafel für die in den Novemberpogromen 1938 zerstörte Mariahilfer Synagoge im Vorjahr

  • Pünktlich im November 2009 wurde die Gedenktafel mit rechtsextremen Aufklebern verunstaltet, Georg Schober von der Bürgerinitiative Synagoge Mariahilf glaubt nicht an einen Zufall
    foto: bi synagoge mariahilf

    Pünktlich im November 2009 wurde die Gedenktafel mit rechtsextremen Aufklebern verunstaltet, Georg Schober von der Bürgerinitiative Synagoge Mariahilf glaubt nicht an einen Zufall

  • Die Gedenktafel im April 2010: Die Sticker sind abgekratzt worden, die Beschmierungen haben sich tief in den Marmor gefressen und sind noch blaß zu sehen
    foto: jus/derstandard.at

    Die Gedenktafel im April 2010: Die Sticker sind abgekratzt worden, die Beschmierungen haben sich tief in den Marmor gefressen und sind noch blaß zu sehen

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