Lokomotive der kirgisischen Opposition

8. April 2010, 18:09
1 Posting

Rosa Otunbajewa führt die Übergangsregierung in Bischkek

Tulpen sind in den Blumengeschäften der südkirgisischen Stadt Osch im März eine Rarität. Oppositionsführerin Rosa Otunbajewa und ihre Weggefährten suchten 2005 die ganze Stadt ab, mussten sich dann aber mit gelben und rosa Schals behelfen. "Wir wollten, dass unsere Revolution schön ist" , sagte Otunbajewa.

Fünf Jahre nach der weitgehend friedlich verlaufenen Tulpenrevolution in der ehemaligen Sowjetrepublik Kirgistan steht die 59-jährige Diplomatin erneut im Mittelpunkt einer Revolution. Als Vorsitzende der Sozialdemokratischen Partei und Oppositionsführerin hat sie am Mittwochabend die Führung einer Übergangsregierung übernommen.

Otunbajewa gilt als eine der Schlüsselfiguren der kirgisischen Demokratiebewegung. Vom 2005 gestürzten Präsidenten Askar Akajew wurde Otunbajewa als "Lokomotive der Opposition" bezeichnet. Dabei schlug die 1950 in Osch geborene Frau zunächst eine akademische Laufbahn ein. Nach dem Studium an der Philosophischen Fakultät in Moskau arbeitete die zweifache Mutter, die außer Russisch auch fließend Englisch und Französisch spricht, an der Kirgisischen Staatlichen Universität. Bei einem Praktikum in Deutschland eignete sie sich einen deutschen Wortschatz an.

Anfang der 80er-Jahre wechselte sie in die Politik und begann im Verwaltungsapparat der KP in Frunse, dem heutigen Bischkek, zu arbeiten. 1991 wurde sie erstmals Außenministerin. Es folgten Stationen als Botschafterin in den USA, in Kanada, in Großbritannien und Irland. Die Oppositionspolitikerin ist seither auch im Ausland gut vernetzt.

Nach ihrem Engagement in der Tulpenrevolution wurde sie zum vierten Mal Außenministerin. Allerdings kam es bald zu Spannungen mit Präsident Kurmanbek Bakijew, und sie musste gehen. Seit November 2006 engagiert sich die Politikerin in der kirgisischen Oppositionsbewegung und setzt sich für eine neue, demokratische Verfassung ein.

Otunbajewa ist in der Bevölkerung sehr beliebt, weil sie als unkorrumpierbar und prinzipientreu gilt. Sie genießt großes Vertrauen und aufgrund ihrer Auslandserfahrungen auch Ansehen. Welche Rolle die Übergangsregierungschefin in der künftigen politischen Landschaft Kirgistans spielen wird, ist offen. Politologen bezweifeln, dass es der Diplomatin gelingen wird, die Führung über das von Klanstrukturen geprägte zentralasiatische Land zu erlangen. (Verena Diethelm/DER STANDARD, Printausgabe, 9.4.2010)

  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.