Labours Kampf gegen den Rechtsdrall ihrer Wähler

2. April 2010, 18:58
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Im Londoner Wahlkreis Barking tritt die Labour-Politikerin Margaret Hodge gegen den Chef der Neofaschisten, Nick Griffin, an

Ehemalige Labour-Wähler fühlen sich von der Partei nicht mehr vertreten.

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Der Ost-Londoner Bezirk Barking gehörte Jahrzehnte zu jenen Wahlkreisen, die wie selbstverständlich einen Labour-Abgeordneten ins Unterhaus entsandten: riesige, nach dem Zweiten Weltkrieg entstandene Neubauviertel, homogene Bevölkerung, Vollbeschäftigung in nahegelegenen Fabriken und im Londoner Hafen. Durch die Krisen der alten Industrie und den Verfall der Bausubstanz vieler Gemeindewohnungen hat der Bezirk radikale Umwälzungen erlebt: Massenarbeitslosigkeit, Massenwegzug der alten Arbeiterfamilien, Immigration von Afrikanern und Osteuropäern.

Bei der Wahl Anfang Mai muss sich die Labour-Abgeordnete deshalb eines gefährlichen Gegners erwehren: Nick Griffin, Chef der rechtsextremen British National Party (BNP), will Margaret Hodge den Sitz streitig machen. Ausgerechnet in der Hauptstadt, die wegen der großen Zahl von Immigranten "nicht mehr als britische Stadt" gelten könne, will der Hassprediger und Holocaust-Leugner den Durchbruch auf nationaler Ebene schaffen. Seit 2009 ist die Partei erstmals im Europa-Parlament vertreten, mit zwei Abgeordneten, darunter Griffin selbst.

Im Barkinger Bezirksrat stellt die BNP bereits zwölf der 51 Abgeordneten. Mit geduldiger Sozialarbeit unter den Globalisierungsverlierern vor Ort gewinnen die Extremisten Zuspruch. "Das Problem ist nicht Rassismus" , hat Hodges Wahlkreisnachbar Jon Cruddas von Labour beobachtet. "Sondern arme Weiße konkurrieren mit armen Schwarzen um knappe Sozialwohnungen, Schulplätze und Arzttermine. Das sorgt für Spannungen." Selbst wenn Griffin das Mandat verwehrt bleibt, können seine Parteigenossen zu Recht von der Mehrheit im Rathaus träumen.

Hodge stellt für die Neofaschisten ein geradezu ideales Ziel dar: Die 65-Jährige stammt aus der von den Nazis verfolgten österreichischen Industriellenfamilie Oppenheimer. Im bürgerlichen Nordlondoner Stadtteil Islington engagierte sie sich im Bezirks-Stadtrat und leitete schließlich zehn Jahre die Stadtregierung - just zu der Zeit, als Islington zu jenen Bezirken gehörte, die als "loony" , also durchgeknallt, galten: verschwenderische Subventionen für Minderheiten, politische Korrektheit allerorten, aber wenig Erwähnung alles Englischen.

In den Neunzigerjahren vollzog Hodge den Wandel für den ihr Nachbar Tony Blair stand: Die alte Arbeiterpartei wurde zu New Labour und vergaß die Anliegen ihrer alten Klientel. "Ich ärgere mich, dass wir die Alarmglocken nicht früher gehört haben" , sagt die Kulturstaatssekretärin heute.

Tatsächlich hat sich im Schatten von Blairs Cool Britannia ein Prekariat entwickelt, das sich verlassen fühlt. Nur noch 19 Prozent der Briten glauben, die Regierungspartei sei "an meinen Nöten und Problemen interessiert" . "Die Öffentlichkeit hat den Eindruck, dass Labour nicht mehr auf der Seite der kleinen Leute steht" , meint YouGov-Chef Peter Kellner.

Die Kulturstaatssekretärin und Multimillionärin Hodge rät zum Zuhören und zieht Konsequenzen aus dem, was sie vor Ort hört. So plädierte sie öffentlich für neue Kriterien für Wohnungssuchende: Einheimische und ihre Familien sollten bevorzugt werden. (Sebastian Borger aus London/DER STANDARD, Printausgabe, 3.4.2010)

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    "Die BNP ist eine Nazi-Partei – zerschlagt die BNP": Proteste gegen den Parteichef der British National Party, Nick Griffin, in London. Doch gerade bei den Verlierern der Globalisierung gewinnt die Partei an Zuspruch.  

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    Nick Griffin kann sich gegen Margaret Hodge Chancen ausrechnen.

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