Die rekonstruierte Utopie

28. März 2010, 19:08
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Nach den Klein- und Großkriegen: der vieldiskutierte Neo-Choreograf Laurent Chétouane und der junge ecuadorianische Tänzer Fabian Barba im Tanzquartier Wien

Wien - Wie bilden und verhalten sich Gemeinschaften? Woran können sie scheitern, und welche Voraussetzungen helfen dabei, ein solches Scheitern zu verhindern? Das sind die großen Fragen, die im zeitgenössischen Tanz und Theater immer wieder gestellt werden. So auch von dem französischen Regisseur und Choreografen Laurent Chétouane in seinem Tanzstück #4: Leben wollen (zusammen), das gerade im Tanzquartier Wien zu sehen war.

Dem Wiener Publikum ist der in Deutschland vieldiskutierte Künstler ein Begriff. Im Brut-Theater war bereits das von Goethe-Puristen zu Weimar wütend bekämpfte Tanzstück #2: Antonin Artaud liest den 2. Akt von Goethes Faust 2 und zu sehen und im Tanzquartier das eher pathetisch geratene Tanzstück #3: Doppel/Solo/Ein Abend.

Erst vor fünf Jahren hatte sich der erfolgreiche Regisseur von Theaterstücken wie Genets Die Zofen bis zu Schillers Don Karlos dem Tanz zugewandt. Damals versuchte er sich in einem Tanzstück zu Büchners Lenz - wie drei Jahre zuvor die französische Choreografin Mathilde Monnier aus dem Lenz ihre vielbeachtete Arbeit Déroutes destillierte, die auch bei Impulstanz zu sehen war.

Doch Chétouanes Entscheidung für den Tanz lief nicht über Monnier, sondern über Meg Stuarts brillante Arbeit Replacement. Der Neo-Choreograf erinnert in seiner künstlerischen Ethik an Xavier Le Roy, sein Werk trägt Spuren von Philipp Gehmacher - und nun auch des österreichischen Experimentalfilmers Martin Arnold. Wie in dessen Deanimated-Projekt Figuren aus Hollywoodfilmen herausgelöscht sind, projiziert Chétouane in Tanzstück #4 Bilder aus Disney-Comics, denen die Gestalten entnommen wurden.

Diese Löschungen bilden diskrete Hintergründe für die fünf Tänzer auf der Bühne. Genauso wie Zitate von Marcel Proust, etwa: "Es blies ein Wind, der die wilden Gräser in der Mauerwand waagrecht zur Seite zerrte." Dazu ein Comicbild, das ein Fenster zeigt, durch das der Wind pfeift, während im Vordergrund ein Tänzer einem anderen durch plötzlichen Druck auf den Brustkorb den Atem aus den Lungen presst.

Es ist eine spielerische Gemeinschaft, die da auf der Bühne "rekonstruiert", was aus uns geworden sein wird, wenn wir alle Klein- und Großkriege vergessen haben werden. Wie Utopien ja meist als Rekonstruktionen alter Wünsche erscheinen. Darin trifft sich Chétouane mit der amerikanischen Choreografin Jennifer Lacey in deren ebenfalls utopischer Arbeit Les Assistantes und vielleicht auch mit der frühen Mary Wigman in ihrer Monte-Verità-Zeit. Die deutsche Tanz-Ikone hatte sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts bei den Utopisten in der Künstlerkolonie Monte Verità bei Ascona aufgehalten.

Konfliktträchtig

Seine Rekonstruktionen von Wigman-Solostücken wird der junge Tänzer Fabian Barba aus Ecuador in einem Mary Wigman Dance Evening am Freitag nach Ostern im Tanzquartier präsentieren. Mit seinem Cross-Gender-Ansatz, seiner berückenden Präsenz und seiner exzellenten Performance macht Barba sogar Tanzfossilien mit Titeln wie Drehmonotonie zum würzigen Erlebnis.

Mit utopischen gemeinschaftlichen Ideen hatte die Solistin Wigman 1929, als der von Barba wiederaufgenommene Zyklus Schwingende Landschaft entstand, nichts mehr zu tun. Ihre Anbiederung an den Nationalsozialismus muss bei ihrer heutigen Rezeption stets mitgedacht werden. Barba und Chétouane werden so zu Antipoden im Spannungsfeld zwischen Moderne und Postmoderne, das im Tanz heute so konfliktträchtig ist wie eh und je. (Helmut Ploebst / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.3.2010)

 

  • Eine spielerische Gemeinschaft rekonstruiert, was unsere Wünsche waren: Chétouanes "Tanzstück #4: Leben wollen (zusammen)"
    foto: oliver fantitsch

    Eine spielerische Gemeinschaft rekonstruiert, was unsere Wünsche waren: Chétouanes "Tanzstück #4: Leben wollen (zusammen)"

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