Gleichzeitiger Vorwärts- und Rückwärtsgang

26. März 2010, 17:04
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Sichtbar und nun im Begleitband auch lesbar werden vor allem die katholisch-ländlichen und die sozialistischen Strategien in der (Sozial-)Politik, in Kunst und Kultur

Die Ausstellung ist fast aus, es lebe der Katalog. In ihm ist aufgehoben, was die Schau Kampf um die Stadt. Politik, Kunst und Alltag um 1930 zu einem so außergewöhnlichen, für ein Verständnis der Geschichte Wiens im 20. Jahrhundert wichtigen Projekt gemacht hat. Bewusst abseits der üblichen Jubiläumsjahre (1927, 1934, 1938 etc.) gehalten, hat die Sonderausstellung des Wien Museums eine größere Zeitspanne genommen - Mitte der Zwanziger- bis Mitte der Dreißigerjahre -, um die Kräfte freizulegen, die an der Hauptstadt des klein gewordenen Restösterreichs gezerrt haben. Sichtbar und nun im Begleitband auch sehr lesbar werden vor allem die katholisch-länd-lichen und die sozialistischen Strategien in der (Sozial-)Politik, in Kunst und Kultur bis in die persönlichsten Bereiche. In den Worten des Hauptkurators und Herausgebers Wolfgang Kos: "Vorwärts- und Rückwärtsgang blockierten einander." Der Katalog ermöglicht einen dreifachen Rückblick: auf die Ausstellungsgestaltung - der Mittelteil dokumentiert fotografisch, wie die Schau expressiv in die Räume des Künstlerhauses eingebaut wurde. Auf die enorme Viel-falt der Objekte - exemplarisch sind sie auf mehr als 300 Seiten dargestellt. Und auf die Zwischenkriegszeit als Objekt der Forschung. Das bruchstückhafte, widersprüchliche Stadtleben wird hier - auch - in Splittern lebendig; Fallstudien wie der Auftritt der Josephine Baker werfen ein bezeichnendes Licht auf die Grabenkämpfe der Kulturpolitiker und -berichterstatter. Das heißt aber nicht, dass die zwei Dutzend Autoren auf ein größeres Nar-rativ verzichtet hätten. Nur dass ihre Geschichtsdeutung auf parteipolitischen, gar großkoalitionären Konsens verzichtet und sich auf ein wichtigeres Ziel konzentriert: zu verstehen, was möglich gewesen wäre und warum es nicht Wirklichkeit geworden ist. (Michael Freund, DER STANDARD/Printausgabe 27.3./28.3.2010)

 

  • Wolfgang Kos (Hg.), "kampf um die stadt. politik, kunst und alltag um
 1930" . € 34 (Paperback) / 592 Seiten. Czernin Verlag, Wien 2010. Die 
Ausstellung ist noch bis morgen, Sonntag, 18 Uhr, geöffnet.
    foto: cremer

    Wolfgang Kos (Hg.), "kampf um die stadt. politik, kunst und alltag um 1930" . € 34 (Paperback) / 592 Seiten. Czernin Verlag, Wien 2010. Die Ausstellung ist noch bis morgen, Sonntag, 18 Uhr, geöffnet.

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