Arbeiterstrich: Moderne Tagelöhner

22. März 2010, 17:30
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Auf dem hundert Meter kurzen Straßenabschnitt teilen sich dutzende Männer den "Arbeitsplatz" und Sorgen über eine ungewisse Zukunft.

Es ist kalt an diesem Mittwochmorgen in Wien Favoriten. Die Männer, die rund um den Baumarkt Obi am Beginn der Triesterstrasse stehen, lassen sich von den unwirtlichen Gegebenheiten ihres "Arbeitsplatzes" allerdings nicht einschüchtern. Alle sind sie bereits oft hier gewesen, haben auf Jobs gewartet und dabei jeder Temperatur standgehalten. Sie sind "moderne Tagelöhner", Schwarzarbeiter, bereit für einen geringen Stundensatz jede noch so kleine Handwerkstätigkeit zu verrichten.

Krise am Schwarzmarkt

Seit 22 Jahren ist Adam* bereits in Österreich. Ursprünglich war der Pole in einer Baufirma angestellt gewesen, aber aufgrund der Wirtschaftskrise hat auch er seinen Job verloren. Dennoch unterscheidet sich Adam grundlegend von den anderen Männern, die ebenfalls neben ihm auf der Straße stehen. Er weiß, wie es ist angestellt zu sein, seine Steuern zu zahlen und das Gefühl zu haben, dass einen ein dichtes soziales Netz auffängt. Der 45-Jährige erzählt in Wiener Dialekt von "besseren Tagen", als es nicht notwendig war, sich hier neben vielen anderen anzustellen. "Früher war alles besser. Ungefähr vor fünf Jahren hat sich hier aber alles verändert", erklärt er. Es gibt weniger "Aufträge" und mehr Anwärter, die sich um einen potenziellen Kunden scharen. Die Krise hat auch für verminderte Honorare gesorgt: Die Stundensätze bewegen sich zwischen sechs und zehn Euro.

Vereinfachte Ausreisemöglichkeiten

Der Großteil der Männer, die um den Baumarkt und die Tankstelle auf der Triesterstrasse stehen, hat kaum oder nur beschränkte Deutschkenntnisse vorzuweisen. Sie kommen vorwiegend aus Rumänien und Polen. Manche von ihnen verlassen auf eigene Hand ihre Heimat, um der Armut und Perspektivlosigkeit zu entfliehen und sich in Österreich ein wenig Geld anzusparen. Andere wiederum werden, von Hintermännern organisiert, zu den Lokalitäten gefahren, die für Schwarzarbeit berüchtigt sind. Auch dieser Realität muss man ins Auge blicken, wenn Gruppen von Männern dort mit Transportern und Minivans abgeladen werden. Seit dem EU-Beitritt Rumäniens vor knapp drei Jahren sind viele von ihnen nach Österreich gekommen.

Bis zu 2000 Euro monatlich

Dass sich die Männer in der Illegalität befinden, ist ihnen bewusst. Sie setzen sich wissentlich dem Risiko aus, von der Polizei aufgegriffen zu werden, denn nicht zu arbeiten ist keine Alternative. Adam möchte nicht hier sein, viel lieber würde er in einer Firma arbeiten wollen, wie er es früher getan hat. "Aber was soll ich machen, wenn ich sonst nichts zu tun habe? Da ist es doch besser, wenn ich mir hier wenigstens ab und zu etwas dazuverdiene." Der Maurer und Bodenleger bekommt Zustimmung. Im Sommer könne man bis zu 2000 Euro durch Schwarzarbeit verdienen, erzählen die anderen Männer. Netto versteht sich. Nicht selten stehen an "guten Tagen" daher 100 bis 150 Männer an diesem Abschnitt der Triesterstrasse und blockieren teilweise Zufahrten und Fußgängerwege. Ein Umstand, der für den angrenzenden Baumarkt "geschäftsschädigend" ist, so der stellvertretende Fillialleiter.

Herumstehen ist nicht strafbar

Der übermäßig strenge Winter und knausrige Häuslbauer hätten allerdings für eine Verschlechterung der Situation gesorgt. Nicht selten bieten sich die Arbeiter daher den Passanten und Einkäufern aktiv an. Dies wiederum ist ein Umstand mit dem die Filialleiter der umliegenden Geschäfte nur bedingt leben können. Die ungeliebten Schwarzarbeiter, die vielen ein Dorn im Auge sind, verschrecken dadurch nicht selten potenzielle Kunden. Der stellvertretende Filialleiter äußert zwar Verständnis für die wirtschaftlich prekäre Situation, der die Männer in ihren Heimatländern zu entkommen versuchen, aber es sei nichtsdestotrotz geschäftsschädigend. Jede Initiative, diesen Zustand zu ändern, verlief bisher im Sand. Denn das Herumstehen auf öffentlichen Fußgängerwegen ist nicht strafbar.

Das Problem an der Wurzel packen

"Wir können sie nur vertreiben, wenn sie sich auf unserem Parkplatz aufhalten, da dies ein privates Grundstück ist", erklärt ein Wachmann, der vor sieben Monaten vom Baumarkt angestellt wurde, um genau dies zu tun. Das Problem müsse an der Wurzel gepackt werden - da sind sich alle Beteiligten einig. Auch die Schwarzarbeiter selbst sind mit ihrer Situation nicht zufrieden. "Ich würde ja legal arbeiten und meine Steuern zahlen", erklärt ein anderer und setzt nach: "Auch wenn ich damit nur 1000 oder 1200 Euro verdienen würde." Härtere Kontrollen und strengere Gesetze machen nur bedingt Sinn, dafür braucht es mehr als das Festhalten der Personaldaten bei polizeilichen Razzien. Immer wieder gelingt es den zuständigen Instanzen nach intensiven Ermittlungen Schwarzarbeit - zum Teil in großem Stil - auffliegen zu lassen. Unternehmen sind inzwischen vorsichtiger geworden, zu abschreckend wirken Strafzahlungen bei Beschäftigung illegaler Arbeitskräfte. Bis zum ersten Halbjahr 2009 wurden von der KIAB (Kontrolle illegaler Arbeiterbeschäftigung) 14.622 Betriebe kontrolliert, 5720 ausländische illegal Beschäftigte habe man fest genommen. In dieser Statistik sind die inländischen Schwarzarbeiter nicht erfasst.

Verstärkte Kontrollmaßnahmen

Schwarzarbeit wird in Österreich immer noch als Kavaliersdelikt gesehen. Die zunehmende Arbeitslosigkeit treibt immer mehr Menschen in die Schwarzarbeit. Finanzstaatssekretär Lopatka bestätigt auch die Anpassung entsprechender Maßnahmen. Die Zahl der Mitarbeiter bei der KIAB habe man seit 2002 auf 310 erhöht. Die Beamten der KIAB-Teams haben die Aufgabe "durch Kontrollen einheitliche Bedingungen für die Teilnehmer am Arbeitsmarkt herzustellen". Mit Präventivarbeit soll der Wirtschaftsstandort Österreich geschützt und unfaire Konkurrenzverhältnisse in Folge von Schwarzarbeit verhindert werden.

Für die Männer auf der Triesterstrasse wird sich jedenfalls in naher Zukunft nichts ändern. Aber mit der Aussicht auf den nahenden Sommer steigt neben der Temperatur auch die Aussicht auf mehr Aufträge.

*Name von Redaktion geändert

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