"Kunststreit ist beziehungsfördernd"

19. März 2010, 18:09
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Mit einer Neufassung des Volksstückes "Jedem das Seine" tritt das Paar Silke Hassler und Peter Turrini als Produktionseinheit auf - Interview

Eine Herausforderung, wie sie Ronald Pohl erklären.

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Standard: In dem Volksstück "Jedem das Seine" strandet in den Apriltagen 1945 eine Gruppe jüdischer Häftlinge auf einem der berüchtigten Todesmärsche in einem Heustadel. Um ihre Existenznot zu ersticken, führen sie die Operette "Wiener Blut" auf. Der Mechanismus des Textes ließe sich wie folgt beschreiben: Man darf vor Lachen nicht zum Weinen kommen! Liegt diese Wirkungsabsicht dem Stück zugrunde?

Hassler: Anders wäre der Stoff gar nicht zu ertragen! Er wird in der Komödie aufgehoben, im nächsten Augenblick schlägt er in die Tragödie um. Du bist noch am Heulen - und musst im nächsten Moment bereits wieder lachen. Der Wechsel dieser Extreme scheint, den Probenarbeiten nach zu beurteilen, in Herbert Föttingers Josefstadt-Inszenierung überaus gelungen.

Turrini: Wir wussten während der zweijährigen Schreibarbeit in Wahrheit überhaupt nicht, ob es funktioniert. Silke legte eine erste Fassung vor, woraufhin ich, der ich gerade mit "Mein Nestroy" beschäftigt war, eingestiegen bin. Wir haben lange miteinander - wie darf ich es nennen? - gerangelt ...

Hassler: Gestritten?

Standard: Wie darf man sich das Produktionsteam Hassler/Turrini vorstellen? Sie, Frau Hassler, haben eine erste Fassung erarbeitet, woraufhin Ihr Lebenspartner eingegriffen hat ...

Hassler: Die erste Fassung ist immer ein Ritt über den Bodensee. Eine rein dokumentarische Herangehensweise wollten wir nicht, weil das ein Weg ist, den eher der Film beschreiten kann. Das Theater hat andere Möglichkeiten. Erst mit der Kombination - wir verbinden die Todesmärsche mit der Operette -, wussten wir, das ist ein möglicher Weg, aber ein riskanter. Die anschließende Debatte fand dann über jeden Satz statt. Wir haben oft einen ganzen Nachmittag damit verbracht, über meinen oder seinen Vorschlag zu diskutieren.

Standard: Sind Sie sich in die Haare geraten?

Turrini: Wir lesen einander seit vielen Jahren die jeweiligen Erzeugnisse vor und holen die Meinung des anderen ein. Dann berücksichtigt man diese Meinung, oder eben nicht. Diesmal sind wir schlicht und einfach gezwungen gewesen, miteinander zu debattieren. Der Produktionsprozess dauerte wesentlich länger, die Beziehung bestand auch nach dem Tag der Fertigstellung weiter.

Standard: Hat die Beziehung Schrammen davongetragen?

Turrini: Kann man nicht sagen.

Hassler: Über Kunst zu streiten ist eher beziehungsfördernd. Man streitet dann nicht mehr über Alltagsprobleme.

Standard: Nun ist nicht jede jüngere Dramatikerin mit einem großen Theaterautor liiert. Schafft das nicht von vornherein eine asymmetrische Diskussionsgrundlage?

Hassler: Es hat einiger Respektlosigkeit meinerseits bedurft. Aber im Ergebnis geht es ganz einfach um gute Sätze! Das ist eine Frage der Qualität - und nicht der jeweiligen Bedeutung. Was der Prozess mitbefördert hat, ist mein eigenes Schreiben. Du musst mit deiner eigenen poetischen Überzeugung antreten, womöglich auch einmal ins ästhetische Unglück rennen. Dieser Größenwahn ist unverzichtbarer Teil des eigenen Schreibens. Wenn ich beim Schreiben die Werkausgabe von Herrn Tschechow im Rücken stehen habe, müsste ich den Bleistift doch sofort fallen lassen!

Turrini: In der dramatischen Literatur hat es immer Paare gegeben, die einander vorlesen - egal, in welchem Verhältnis die Beteiligten zueinander standen. Brecht ließ keine einzige Szene seines Werkes heraus, die er nicht vorher seinen Mitarbeiterinnen gezeigt hatte - um zu überprüfen, ob ihnen fade wird. In der Dramatik sind wir einander das erste Publikum. Und da unser beider Namen auf dem Manuskript stehen, war der Vorgang verschärft: Von Beratern wurden wir zu Mittätern.

Hassler: Wobei mir nicht der Masochismus der Brecht-Mitarbeiterinnen eignet.

Turrini: Manchmal entstanden Auseinandersetzungen auch nur, weil wir eine unterschiedliche Beziehung zum Humor haben.

Hassler: Und: Wie werden Dinge von Männern und Frauen unterschiedlich formuliert?

Standard: Nun werden die Figuren der Täterseite - Menschen der Landbevölkerung, die die Flüchtlinge in unterschiedlichem Ausmaß unterstützen - von Ihnen niemals denunziert. Das gilt vor allem für die Frauenfiguren. Ist das auf Sie zurückzuführen, Frau Hassler?

Hassler: Es ging darum, den richtigen Grad zu finden: Sie sind vollgestopft mit Nazipropaganda - trotzdem musst du die Naivität zum Beispiel einer jungen Magd berücksichtigen. Diese Figuren sind weder ausschließlich gut noch ausschließlich böse.

Turrini: Ob so etwas funktioniert, bleibt letztlich bis zur ersten Durchlaufprobe eine ausgedachte Konstruktion. Wir wollten ja unter keinen Umständen ein Stück schreiben, bei dem das Publikum nach fünf Minuten die Köpfe einzieht und sagt: "Schrecklich, der Holocaust!" Die Josefstädter Probe, die wir gesehen haben, funktioniert in dem Wechselspiel von Humor und Entsetzen besonders gut. Föttinger hat mit uns jeden Tag diskutiert: Morgens hat er die Silke angerufen, abends mich.

Standard: "Jedem das Seine" ist ein Gleichnis auf Kunst in schrecklicher Zeit: Die jüdischen Flüchtlinge haben keine Chance. Aber sie nützen sie, indem sie eine Operette aufführen. Was kann die Kunst?

Turrini: Man geht als Kind durch einen finsteren Wald, fürchtet sich sehr, weil einen die Mutter zum Schwammerlsuchen geschickt hat. Ich, der ich überhaupt ein furchtsames Kind war, habe dann immer gepfiffen und gesungen. Übertragen auf die zum Tode geweihten Menschen: Es ist sinnlos - aber der lächerliche Versuch, mithilfe der Kunst zu überleben.

Hassler: Auch wenn es die schleißigste Aufführung von Wiener Blut wird, die im Heustadel stattfindet: Sie hat mit Würde zu tun. Die Hauptfigur Gandolf sagt von sich: "Ich bin nicht Jude, ich bin Tenor!" Dieser Mensch, der als Jude jedes Lebensrecht abgesprochen bekommt, ist mehr, als jede Zuschreibung ausdrückt: Tenor.

(DER STANDARD/Printausgabe, 20./21.03.2010)

 

 

Zur Person:
Silke Hassler stammt ebenso wie ihr Lebensgefährte, der Dramatiker Peter Turrini (65), aus Kärnten. Beide leben heute in Retz/NÖ. "Jedem das Seine" wurde 2007 in Klagenfurt uraufgeführt; die Neufassung hat kommenden Donnerstag, 19.30 Uhr, im Wiener Josefstadt-Theater Premiere.

  • Zweiter Versuch mit einem beklemmenden Stoff: "Jedem das Seine", 2007
von Dietmar Pflegerl uraufgeführt, wechselt in die Obhut Herbert
Föttingers über. Im Bild Silke Hassler und Peter Turrini.
    foto: urban

    Zweiter Versuch mit einem beklemmenden Stoff: "Jedem das Seine", 2007 von Dietmar Pflegerl uraufgeführt, wechselt in die Obhut Herbert Föttingers über. Im Bild Silke Hassler und Peter Turrini.

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