Arbeiten bis 77? "Irgendwann ist es genug"

19. März 2010, 10:05
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Ältere Menschen sollen später in Pension gehen, um das Sozialsystem zu entlasten - Österreich erreicht die EU-Ziele bei weitem nicht

Thirza Moldovan ist 59 und überdurchschnittlich. Während viele Gleichaltrige schon in Pension sind, arbeitet sie noch. "Ich will immer was zu tun haben, ich bin vom Typ her so. Ich bin gern unter Leuten", sagt die quirlige Frau, die in Holland geboren wurde. Moldovan ist Krankenschwester im Geriatriezentrum Wien-Favoriten. Die Nachtdienste sind ihr nach einer schweren Krebserkrankung schon zu anstrengend, dafür macht sie jetzt das, was sie am besten kann: Neben der Medikamentenausgabe, dem Arbeiten am Computer oder dem Anlegen von Infusionen, singt und bastelt sie mit den Patienten.

Unterstützung erhält sie von ihrer Chefin Elisabeth Tuma, der Leiterin des Geriatriezentrums. "Bei uns sind 45 Prozent aller Mitarbeiter über 50 Jahre alt", erklärt Tuma im Gespräch mit derStandard.at: "Wir fühlen uns als Unternehmen verpflichtet, die Anforderungen zu erfüllen, dass sie bis ins Pensionsalter arbeiten können." Und sie sieht auch Vorteile darin: "Ich bin mit den älteren Arbeitnehmern sehr zufrieden. Sie sind sehr pflichtbewusst und können von ihrer Biographie her sehr gut mit den alten Menschen umgehen. Sie haben das Know-How, weil sie schon so lange im Berufsleben stehen", sagt Tuma.

Frühpensionsweltmeister

Das durchschnittliche Pensionsantrittsalter liegt bei Frauen in Österreich derzeit bei nicht einmal 58 Jahren, bei Männern bei fast 59. Nicht nur Frau Moldovan liegt damit über dem Durchschnitt. Im Geriatriezentrum sind gleich mehrere Personen betroffen. Das Unternehmen wurde kürzlich dafür ausgezeichnet, ältere Arbeitnehmer besonders zu fördern. Das Sozialministerium überreichte den "Nestor Gold"-Preis. Denn ältere Arbeitnehmer wie Moldovan soll es in Zukunft öfter geben. Aufgrund des demographischen Wandels müssen Pensionen länger ausbezahlt werden, die Kosten, etwa für Pflege, steigen.

Österreich muss aufholen

Mit der Erwerbsbeteiligung Älterer soll das Sozialsystem entlasten werden. Ziel ist eine 50-prozentige Beteiligung der Personen im Alter zwischen 55 und 64 am Arbeitsmarkt. Darauf hat sich die EU schon beim Gipfel von Lissabon im Jahr 2000 geeinigt. 2010 hätte die 50-Prozent-Marke erreicht werden sollen. Österreich hat einiges aufzuholen. Derzeit liegt die Erwerbsquote bei der angesprochenen Personengruppe bei lediglich 41 Prozent (Zahl aus dem Jahr 2008). Das ist deutlich unter dem EU-Schnitt, der bei 45,6 Prozent liegt. Für 2009 oder gar 2010 liegen noch keine Zahlen vor, geht man nach Prognosen, liegen die 50 Prozent aber noch in weiter Ferne.

Von Beziehern zu Financiers

"Für die Menschen selber ist es wichtig, weil sie so ihre eigenen Sozialleistungen erhöhen können. Gleichzeitig ist es für die Gesellschaft notwendig, damit das Sozialsystem auch weiter finanziert werden kann", nennt Hans Steiner, Experte aus dem Sozialministerium, Vorteile, wenn Personen länger im Berufsleben bleiben. Es werden zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: "Die älteren Arbeitnehmer sind dann nicht mehr selbst Bezieher der Sozialleistungen, sondern Financiers."

Die ersten Schritte hat die Politik in Österreich auch schon gesetzt, etwa durch diverse Pensionsreformen - unter anderem die schrittweise Abschaffung der vorzeitigen Alterspensionen. Und die Sozialpartner haben sich im Kollektiv vor einem Jahr darauf geeinigt, weitere Maßnahmen durchzuführen. Dazu zählen die Sensibilisierung der Führungskräfte, Weiterbildungs- und Umschulungsmaßnahmen, betriebliche Gesundheitsförderung und Anpassung der Arbeitszeiten an die älteren Arbeitnehmer. Maria Kaun von der Wirtschaftskammer sagt im Gespräch mit derStandard.at: "Es werden permanent bewusstseinsbildende Maßnahmen gesetzt." Sie ist zuversichtlich, dass der Anteil der älteren Arbeitnehmer auch noch weiter steigen wird.

ÖVP will Arbeitnehmer "massiv belohnen"

Auch ÖVP-Seniorensprecherin Gertrude Aubauer kann sich gut vorstellen, dass ältere Arbeitnehmer künftig eine größere Rolle spielen. Sie ist der Meinung, dass ältere Menschen keine Last sein wollen, im Gegenteil: "Sie wollen ihr Wissen weitergeben, produktiv sein", sagt Aubauer, die selbst 58 Jahre alt ist. Sie tritt dafür ein, dass Menschen, die freiwillig länger arbeiten, "massiv belohnt" werden. Der Seniorenbund schlägt ein Modell vor, das folgendermaßen aussieht: Für jedes Jahr, das nach dem gesetzlichen Pensionsantrittsalter weitergearbeitet wird, soll der Pensionsbezug beim tatsächlichen Antritt um sechs Prozent erhöht werden. Arbeitet ein Mann zum Beispiel bis 70, kann er seine Pension um 30 Prozent auffetten.

"Schauen Sie sich den Bundespräsidenten an!"

"Dadurch würde das Regelpensionsalter sicher steigen", zeigt sich Aubauer überzeugt. Wobei Aubauer nicht in erster Linie Arbeitnehmer ansprechen will, die lange Jahre körperlich gearbeitet haben, sondern Personen aus Wissenschaft, Kunst oder auch Politik: "Schauen Sie sich den Bundespräsidenten an!", nennt Aubauer ein Vorbild, das derzeitig ständig präsent ist.

Bundespräsident Heinz Fischer ist mittlerweile 71 Jahre alt und kandidiert nun für seine zweite Amtsperiode, die weitere sechs Jahre dauert. In Pension würde er dann mit 77 gehen. Ein Vorbild für Krankenschwester Moldovan? Wohl eher doch nicht. Im Sommer wird sie sechzig und bald danach in Pension gehen: "Irgendwann ist es genug". (Rosa Winkler-Hermaden, derStandard.at, 19.3.2010)

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    Länger arbeiten gehen und so das Sozialsystem vor dem Kollaps retten. Ältere Arbeitnehmer sind in Zukunft gefragt.

  • Im Geriatriezentrum wird das bereits praktiziert: Die 59-jährige Thirza Moldovan mit ihrer Chefin Elisabeth Tuma.
    foto: rwh/derstandard.at

    Im Geriatriezentrum wird das bereits praktiziert: Die 59-jährige Thirza Moldovan mit ihrer Chefin Elisabeth Tuma.

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    Nicht alle Berufsgruppen eignen sich. Ein Vorbild laut VP-Seniorensprecherin Aubauer: Der 71-Jährige Bundespräsident Heinz Fischer.

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