"Muss ich jetzt auch ins Gefängnis?"

17. März 2010, 15:13
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Abschiebungen naher Bekannter lösen im Umfeld Traumata aus - "Keine Abschiebung von Freunden", fordert eine NÖ-Gemeinde

Dass der neunjährige Bernard Karrica seit dem 22. Februar nicht mehr in die Schule kommt, geht juristisch betrachtet mit rechten Dingen zu. Bernard wurde abgeschoben, weil der Asylantrag seiner Familie, römisch-katholische Zugewanderte aus dem Kosovo, abgelehnt worden war. Das findet selbst deren Rechtsberaterin Karin Klaric nicht ungerecht: Es sei "ein wasserdichter Bescheid", den der Asylgerichtshof hier produziert hatte. Trotzdem will der Protest nicht abreißen: "Keine Abschiebung von Freunden", fordern mittlerweile 5000 UnterstützerInnen der Initiative "Fußball verbindet", die von FreundInnen der Familie des begabten Nachwuchskickers aus Muthmannsdorf in Niederösterreich ins Leben gerufen worden war.

"Das gehört sich nicht"

Dabei geht es der Initiative gar nicht darum, Bernard wieder nach Österreich zu holen. "Dieser Zug ist abgefahren", sagt Karin Klaric. "Wir protestieren dagegen, dass man Neunjährige ins Gefängnis sperrt und abschiebt wie Vieh", sagt der Bauunternehmer Hans Jörg Ulreich, Vater eines Fußball-Teamkollegen Bernards. "Gesetze hin, Gesetze her - das gehört sich einfach nicht."

Wie schon kürzlich bei der (vorerst) verhinderten Abschiebung in der Vorarlberger Gemeinde Röthis (derStandard.at berichtete) sind es nicht AsylberaterInnen oder Menschenrechtsorganisationen, die sich für mehr Milde in der Asylpraxis einsetzen - sondern das soziale Umfeld. Neu dabei ist, dass sie ihr Engagement nicht auf den Einzelfall beschränken, sondern "sich mit anderen Betroffenen vernetzen" wollen. Und Betroffenheit meint hier nicht die von Abschiebung bedrohte Familie, sondern deren Umgebung.

Geschockte Kinder

Die Ausweisung sei für alle überraschend gekommen. "Ich habe nicht einmal gewusst, dass Bernard ein Ausländer ist", sagt Ulreich. Weder die Klassenlehrerin noch die Direktorin waren über die bevorstehende Abschiebung informiert. Bei Schul- und TeamkollegInnen habe der Vorfall Schock und Ängste ausgelöst. "Muss ich jetzt auch ins Gefängnis?", habe Ulreichs Sohn David, ein Teamkollege Bernards, gefragt.

Die Initiative fordert nicht nur mehr Rücksichtnahme bei künftigen Abschiebungen, sondern eine Ausweitung des Bleiberechts. "Es gibt ja ein humanitäres Aufenthaltsrecht. Man muss es nur mit Leben füllen", meint Ulreich.

Denn dass oft winzige Details über Bleiben oder Nicht-Bleiben entscheiden, veranschaulicht der Fall der Karricas: Wären sie einen Monat früher nach Österreich eingereist, hätten sie selbst einen Antrag auf humanitäres Bleiberecht stellen können. Der 1. Mai 2005 gilt hierfür als Stichtag. Doch Bernards Familie kam im Juni - und für solche Fälle sieht das neue Gesetz der rotschwarzen Regierung kein Antragsrecht vor.

Alles gebucht

Dazu kommt, dass die Behörden augenscheinlich alles daran setzten, zivilgesellschaftlichen Widerstand gegen die Abschiebung zu verhindern. Anders als im Fall Röthis wurde die Familie nicht vom eigenen Heim abgeholt, sondern zuvor in einem anderen Bezirk einquartiert. Das dortige Quartier sei noch am selben Tag der Asylgerichtshofs-Entscheidung gebucht worden, erzählt Klaric. Ebenfalls am selben Tag waren die Plätze im Flieger nach Priština gebucht. "Man hat wohl vermutet, dass die Abschiebung in diesem Fall nicht so einfach werden könnte", glaubt Klaric.

Die Initiative "Fußball verbindet" hofft auf rege Unterstützung und sammelt Unterschriften auf ihrer Website. Hans Jörg Ulreich glaubt fest daran, damit politisch etwas zu bewegen: "Ich weiß, wie man mit Politikern umgeht: Wenn man sie um etwas bittet, schasseln sie einen ab. Aber wenn man 100.000 Unterstützer hat, dann kommen sie von selbst." (derStandard.at, 17.3.2010)

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    Bis vor einem Monat kickte Bernard Karriza im SV Vinzendorf-Muthmannsdorf. Am 21. Februar wurde er in den Kosovo abgeschoben

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