Risse in der Mauer des Schweigens

12. März 2010, 18:40
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Die heimische Kirche reagiert in der jüngsten Krise bisher erstaunlich schnell

Die katholische Kirche in Österreich steht am Pranger. Wieder einmal. Kardinal Hans Hermann Groër ist nicht vergessen, die "Bubendummheiten" im St. Pöltener Priesterseminar sind in guter Erinnerung, die Debatte um Gerhard Maria Wagner als Beinahe-Weihbischof mit überkommenem Weltbild ist noch nicht verdaut.

Und jetzt die Welle an Missbrauchsfällen. Gut, man ist damit nicht allein, teilt sich Schmach und Schande etwa mit deutschen und irischen Mitbrüdern - was die eigene Verantwortung aber nicht schmälert und reflexartiges Handeln nicht stoppen kann: Die Kirchenaustritte steigen rasant an. Natürlich verlassen in solchen Fällen immer jene das Kirchenschiff, die ohnehin seit Jahren zum Absprung bereit waren, was die Kirche nicht weniger schmerzt, denn auch Taufscheinkatholiken sind zahlende Mitglieder. So viel zu den erwartbaren Folgeerscheinungen der jüngsten Kirchenkrise.

Doch es tut sich insbesondere in den vergangenen Tagen auch Unerwartetes auf. Den Missbrauchsvorwürfen setzen Bischöfe und Äbte eine ungewohnt offensive Haltung entgegen. Viele mögen die Flucht nach vorn als selbstverständlich sehen. Ist sie aber gerade für die katholische Kirche nicht. Kollektives Schweigen war in schweren Zeiten stets das Gebot der Stunde. Exemplarisch für den Umgang mit innerkirchlichen Problemen steht ein Name: Groër. Erst drei Jahre nach dem Skandal und dem Rücktritt des Kardinals gelangten die Bischöfe Schönborn, Eder und Kapellari "zur moralischen Gewissheit", dass die Vorwürfe gegen Groër "im Wesentlichen zutreffen".

2010 scheint man aber plötzlich erkannt zu haben, dass nicht der Skandal allein die Einheit der Christen gefährdet, sondern vor allem der Umgang damit. Anders als die deutschen Bischofskollegen ist man hierzulande aufgestanden und hat eine ungewohnte Offenheit an den Tag gelegt.

Wenn Kardinal Schönborn auf eine "echte Umkehr" in der Kirche hofft, zu einem "Prozess der Läuterung" aufruft und vor zu viel Selbstmitleid warnt, der Salzburger Erzbischof Alois Kothgasser sich deutlich wie nie zuvor für eine Diskussion über den Zölibat ausspricht, der Grazer Diözesanbischof Egon Kapellari alle Opfer "ausdrücklich um Verzeihung bittet" und sie auffordert, sich zu melden, dann zeigt sich, dass man aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt hat. Sich den Vorwürfen zu stellen, rasch zu reagieren und vor allem Worte der Entschuldigung zu finden heißt, die Opfer ernst zu nehmen. Für viele Betroffene eine späte, aber nicht minder wichtige Genugtuung.

Wenn der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, nach einer Kritik der deutschen Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger beleidigt der Bundeskanzlerin schreibt, müssen sich einst allzu sehr liebkoste Zöglinge verhöhnt fühlen. Und eine Entschuldigung nach einem Plauscherl mit dem Papst macht die Sache nicht besser. Denn vermittelt hat die deutsche Bischofskonferenz von Anbeginn an: Mischt euch nicht in Angelegenheiten der Kirche ein.

Missbrauchsfälle wird es auch künftig geben - in der Familie, im Sportverein, in der Kirche. Offen und ehrlich mit diesem Gesellschaftsproblem umzugehen gibt Opfern zumindest ein Stück ihrer Würde zurück. Und die neue Offenheit steht der katholischen Kirche in Österreich gut. Geschwiegen worden ist lange genug. (Markus Rohrhofer/DER STANDARD, Printausgabe, 13./14. März 2010)

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