Schwere Zeiten in Bad Fucking

12. März 2010, 16:41
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Wenn österreichische Provinzpolitiker die Hochfinanz entdecken, sind Kollateralschäden nicht ausgeschlossen - Auszug

Aloysius Hintersteiner saß mit einem Vertreter der Immobilienentwicklungsgesellschaft Omega im Besprechungszimmer des Gemeindeamts und kam nicht nur wegen der stickigen Luft gehörig ins Schwitzen. Auf Hintersteiners hellblauem Hemd, das sich über seinem dicken Bierbauch gefährlich spannte, hatten sich an mehreren Stellen bereits Schweißflecken gebildet.

Während sich der Bürgermeister wie in einer Sauna fühlte, tat sein Gegenüber im dunklen Anzug so, als könnten ihm weder glühende Hitze noch arktische Kälte etwas anhaben. Der Mann hieß Alexander Bendar, war vierunddreißig Jahre alt und arbeitete als Portfoliomanager für die IEG Omega mit Sitz auf den Jersey Islands. Bendars Arbeitsplatz war in einem Büro neben der Wiener Börse. Er hatte die beschwerliche Reise nach Bad Fucking nur auf sich genommen, weil ihn der Bürgermeister um dieses Gespräch gebeten hatte.

Dem Trend der Zeit folgend, hatte man vor einigen Jahren auch in Bad Fucking beschlossen, einen Teil der Gelder, die man durch den Verkauf diverser Grundstücke und Liegenschaften eingenommen hatte, renommierten Anlageexperten zu überlassen. In ihren schwarzen Limousinen hatten damals Fondsmanager, Derivatehändler und andere clevere Spekulanten eine Gemeinde nach der anderen abgeklappert und den ahnungslosen Lokalpolitikern das Blaue vom Himmel versprochen.

Diese fühlten sich natürlich geschmeichelt, weil endlich die große, weite Welt des internationalen Kapitals auch in ihren Kaffs Einzug hielt und sie sich im Kampf um die Gunst der Wählerinnen und Wähler in einem Bereich wichtigmachen konnten, von dem sie nicht die geringste Ahnung hatten.

Und siehe da: In den ersten beiden Jahren lief alles wie geschmiert, und die Erfolgsmeldungen von den Offshore-Finanzplätzen rissen nicht mehr ab. Anleihen, Aktien, Immobilien und hochspekulative Risikopapiere entpuppten sich als wahre Geldscheißer, das Faxgerät im Büro des Bürgermeisters von Bad Fucking spuckte Woche für Woche Zahlenreihen aus, vor denen immer ein fettes Plus stand. Wenn das so weiterging, konnte Bad Fucking wieder in den Tourismus investieren, und am Ende würde es nach einer allzu langen Durststrecke steil bergauf gehen.

Gemäß dem Motto "Gier frisst Hirn" ließ man die Fondsmanager schalten und walten, wie sie wollten, bis man auch in Bad Fucking die bittere Erfahrung machen musste, dass es nicht immer um den gleichnamigen Hollywoodfilm ging, wenn vom "Fluch der Karibik" die Rede war. Alexander Bendar legte routinemäßig seine drei Handys vor sich auf den Tisch und warf alle paar Sekunden einen Blick auf ihre leuchtende Displays. "Ich verstehe das nicht", sagte er kopfschüttelnd. "Ich war vergangene Woche in Mali, wo ich für unseren Konzern zehntausend

Hektar landwirtschaftliche Anbauflächen gekauft habe, und selbst dort hat in jedem noch so abgelegenen Dorf mein Handy funktioniert. Nur in Bad Fucking verschließt man sich dem technischen Fortschritt."

Er nahm einen Schluck Mineralwasser und steckte sich eine Zigarette in den Mund, die er aber nicht anzündete. "Sie haben in Mali landwirtschaftliche Anbauflächen für Ihre Firma gekauft?", fragte Hintersteiner erstaunt. "Ich dachte, die IEG Omega investiert in Immobilien."

Bendar lachte dünn, zog noch einmal an der kalten Zigarette und steckte sie zurück in sein silbernes Etui. "Immobilien in Moldawien, Anbauflächen in Mali, Regenwälder in Brasilien, wir kaufen alles, womit sich - natürlich zum Vorteil unserer Kunden - Geld verdienen lässt."

"Herr Bendar", antwortete Hintersteiner gereizt und klopfte mit dem gemeindeeigenen Kugelschreiber auf die Tischplatte, "nur zur Klarstellung: Wir verschließen uns hier keineswegs dem technischen Fortschritt. Ganz im Gegenteil, es gab eine Menge von Projekten, die wir in nächster Zeit verwirklichen wollten, aber dazu hätten wir das Geld gebraucht, das Sie verspekuliert haben."

Bendar strich sich über seine tadellose Gelfrisur. "Moment, Moment, Herr Bürgermeister, lesen Sie bitte die Verträge, die Sie unterzeichnet haben, und Sie werden sehen, dass alles mit rechten Dingen zugegangen ist. Nach den Verlusten hat unser Board gemeinsam mit Wirtschaftsjuristen noch einmal sämtliche Kontrakte überprüft und ist zu dem Ergebnis gekommen, dass absolut korrekt gehandelt wurde. Dass die Immobilienblase gerade jetzt platzen würde, konnten wir leider nicht vorhersehen. Und falls es Sie tröstet: In Österreich haben dutzende Gemeinden durch Spekulationen erheblich mehr Geld verloren als Sie in Bad Fucking."

Hintersteiner stieß der Kaffee sauer auf. Wegen des hohen Blutdrucks hätte er am Nachmittag eigentlich gar keinen Kaffee mehr trinken dürfen, aber da die Essigwurst zu Mittag ein bisschen ranzig geschmeckt hatte, hatte er gehofft, dass der Kaffee die Verdauung fördern würde. Aber stattdessen war ihm schlecht, und zu allem Überfluss hatte sich auch noch ein Furz in seinem Darmgeflecht verirrt, der irgendwo festsaß. Wie gerne hätte er jetzt einfach drauflosgefurzt, aber das ging ja nicht, weil ihm ein hoher Gast von auswärts gegenübersaß. Der Bürgermeister wischte sich mit einem Taschentuch, in dem die Initialen A. H. eingestickt waren, den

Schweiß von der Stirn.

"Schauen Sie, Herr Bendar. Bad Fucking hat eine schwere Zeit hinter sich. Wie Sie wissen, hat uns dieser Bergsturz vor acht Jahren fast zur Gänze von der Außenwelt abgeschnitten. Wer heute in unseren Ort kommt, muss entweder hierbleiben oder umkehren. Wenn Sie so wollen, befinden wir uns in einer Art Sackgasse."

"Das würde ich auch so sehen", sagte Bendar und holte erneut eine Zigarette aus seinem Etui, auf dessen Deckel die Initialen A. B. eingraviert waren. Die gesalzenen Erdnüsse und die Gummibärchen, die Frau Sussalek extra für dieses wichtige Treffen gekauft hatte, ignorierte Bendar demonstrativ.

"Für Bad Fucking bedeutete diese Naturkatastrophe praktisch den Ruin. Die meisten Hotels mussten zusperren, und die Leute sind von einem Tag auf den anderen arbeitslos geworden. Das muss man sich einmal vorstellen, was das heißt. Ich spreche aus eigener Erfahrung, wenn ich Ihnen sage, dass diese Zeit für uns alle die schlimmste unseres Lebens war. Und dann hieß es plötzlich: Hier ist die große Chance, hier könnt ihr in kürzester Zeit viel Geld verdienen. Natürlich haben wir da nicht Nein gesagt."

Bendar dachte daran, dass er am Abend einem Kunden noch ein windiges Aktienpaket verkaufen musste. Der Insidertipp eines Brokers würde ihm glatte fünftausend bringen und dem Käufer ein paar schlaflose Nächte. Aber die Leute waren selbst schuld, und es traf ja keinen Armen.

"Ich verstehe das ja alles, Herr Bürgermeister, aber was schlagen Sie konkret vor? Die Fakten liegen auf dem Tisch." Bendar deutete auf zwei dünne Mappen, deren Inhalt Hintersteiner kannte. Auf dem einen Deckblatt stand Performance Portfolio Gemeinde Bad Fucking, auf dem anderen Performance Portfolio Aloysius Hintersteiner.

"Es ist hart", fuhr Bendar fort, "aber ich habe Ihnen immer gesagt, dass es besser gewesen wäre, die Krise auszusitzen und keine Panikverkäufe zu tätigen. Okay, dass Sie aus den Zinsspekulationen mit dieser Delta Invest AG auf den Virgin Islands ausgestiegen sind, war sicher die richtige Entscheidung, aber die langfristigen Anleihen hätten Sie nicht abstoßen sollen."

Bendar zog noch ein paar Mal an der kalten Zigarette und steckte sie dann endgültig zu den anderen neunzehn Zigaretten in sein Etui. "Warum bloß bin ich so saublöd gewesen und habe mich auf diesen ganzen Wahnsinn eingelassen?", dachte Hintersteiner niedergeschlagen. "Hätte ich das verdammte Geld auf ein Sparbuch gelegt, dann würde der nächste Bürgermeister wieder Hintersteiner heißen, und ich könnte in Ruhe die Feier zu meinem sechzigsten Geburtstag vorbereiten. Die Blasmusik würde aufspielen, der Pamminger ein paar Spanferkel braten, für die Erwachsenen gäbe es Freibier und für die Kinder Luftballons. Später am Stammtisch, wenn die Frauen längst zu Hause in ihren abgewetzten Fauteuils vor dem Fernsehapparat säßen und ihre geschwollenen Beine mit Voltaren einschmierten, würden wir ein paar ordinäre Gstanzeln singen." Aber die Zahlen vor ihm holten ihn zurück in eine Realität, die alles andere als schön war. (Kurt Palm, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 13./14.03.2010)

Kurt Palm, "Bad Fucking" . € 19,90,- / 256 Seiten. Residenz, St. Pölten 2010

  • Sitzen Sie die Krise lieber aus, anstatt Panikverkäufe zu tätigen,
sonst könnte es leicht passieren, dass dann der Hut brennt: Kurt Palm
warnt vor unbedachten Schritten bei der Geldanlage.
    foto: heribert corn

    Sitzen Sie die Krise lieber aus, anstatt Panikverkäufe zu tätigen, sonst könnte es leicht passieren, dass dann der Hut brennt: Kurt Palm warnt vor unbedachten Schritten bei der Geldanlage.

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