Diskriminierung, very british

15. März 2010, 07:24
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Auch in Großbritannien hat sich das Bild einer Zuwanderungsgesellschaft noch nicht durchgesetzt, meint Minderheitenforscher Humayun Ansari

Auch in Großbritannien sei die Tatsache, in einer Zuwanderungsgesellschaft zu leben, noch nicht in den Köpfen der Menschen angekommen, meint der Minderheitenforscher Humayun Ansari. Speziell muslimische Zugewanderte würden ausgegrenzt.

derStandard.at: Herr Ansari, Sie forschen über Muslime in Großbritannien. Sie schreiben, das Selbstverständnis der britischen Muslime habe sich stark verändert. Inwiefern?

Ansari: Die muslimischen Communitites sind ja unglaublich divers. Wenn Sie nach London fahren, finden Sie Muslime aus der ganzen Welt – von Somalia über den Irak bis Bangladesh. Obwohl sie so heterogen sind, fühlen sie sich als islamische Community. Das war nicht immer so.

derStandard.at: Wie kam es zum Wandel?

Ansari: In Großbritannien hat die Massenmigration aus Südasien nach dem Zweiten Weltkrieg eingesetzt, und sie beschleunigte sich bis Ende der 1960er. Es gab eine immense Nachfrage nach Arbeitskräften. Diese Arbeitsmigranten dachten vorerst nicht daran, in Großbritannien zu bleiben. Sie identifizierten sich stark mit ihren Herkunftsländern. Aber was passierte in den Siebzigern? Sie erkannten, dass eine Rückkehr schwierig sein würden – erstens wussten sie, dass sie dann nicht mehr zurück nach Großbritannien kommen könnten, weil die Gesetze nun strenger waren. Zweitens waren inzwischen Familienmitglieder nachgezogen, ihre Kinder waren in Großbritannien geboren. Und bei diesen Kindern verblasste die Erinnerung an die Heimat der Eltern schön langsam. Nicht Pakistan und Bangladesh waren ihr Zuhause, sondern Großbritannien. Sie mussten also ihre Identität stärker als eine britische definieren als zuvor.

derStandard.at: Die Zugewanderten wurden zu BritInnen?

Ansari: Sie fühlten sich der britischen Gesellschaft zwar zugehörig – aber sie erlebten die selbe Ausgrenzung wie ihre Eltern. Das machte es schwierig, sich mit diesem Ort zu identifizieren. Das Problem war nun folgendes: Wie sollen Muslime, die sich den Herkunftsländern ihrer Eltern nicht mehr verbunden fühlen, sich selbst definieren?

derStandard.at: Warum fühlte man sich ausgegrenzt?

Ansari: Sie sahen sich benachteiligt – materiell, aber auch psychologisch: In den Fünfzigern und Sechzigern bedeutete Britischsein, dass man weiß, christlich oder postchristlich-säkulär, und Teil eines herrschenden Königreichs ist. Aber was bedeutete dieses Selbstbild für die Zugewanderten? Sie waren meist nicht weiß, nicht christlich, und kamen aus Ländern, die vom Königreich beherrscht worden waren.

derStandard.at: Unterlief der Kolonialismus in den Köpfen die multikulturellen Bestrebungen der Regierung?

Ansari: Bis zu den 1960ern war der Kolonialismus sogar das Herzstück britischer Identität. Es war klar: Wenn man nicht-weißer Hautfarbe oder nicht christlich war, dann konnte man sich nicht als Brite betrachten. Zugewanderte mussten für sich eine andere Identität finden. Und für die Muslime erwies sich der Islam als eine starke Identität.

derStandard.at: Wie veränderte sich das britische Selbstverständnis seit den 60ern?

Ansari: Großbritannien wurde immer diverser, und das rüttelte an diesem essentialistischen Selbstverständnis. Wenn die Gesellschaft bunter wird, aber die alte britische Identität sich nicht verändert, dann schlittert man geradewegs in soziale Spannungen und Konflikte – das war klar. Darum haben wir heute in Großbritannien eine Art von staatsbürgerlicher Identität. Man hat versucht, von den Themen Ethnizität, Herkunft, Religion abzugehen und sich mehr auf die gemeinsamen Gesetze, auf die liberale Demokratie, auf Menschenrechte, Fair Play und Toleranz zu konzentrieren. All diese Werte werden nun von der Regierung als Teil einer "Britishness" verkauft.

derStandard.at: Hat sich dieses Bild durchgesetzt?

Ansari: Man kann mit so einem Bild nur dann erfolgreich sein, wenn die Communities diese Werte auch in der Realität wiederfinden. Die Realität ist aber, dass sich Muslime, Schwarze und andere Minderheiten im Alltag noch immer ausgeschlossen fühlen – auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt, in der Bildung, im Sozialsystem.

derStandard.at: Ist das ein Problem der Zugewanderten? Fühlen sich weiße Unterschichten nicht ähnlich ausgeschlossen?

Ansari: Ich bezweifle das. Es stimmt zwar, dass Gender, Klasse und Ethnizität eine Rolle bei den Lebenschancen spielen. Aber wenn man eine Frau, die aus einer Arbeiterfamilie kommt, und noch dazu einer ethnischen Minderheit angehört, mit einer Frau aus einer Arbeiterfamilie ohne einen solchen Hintergrund vergleicht, dann wird man sehen, dass es erstere Frau schwerer hat. Die soziale Schicht spielt eine Rolle, aber sie ist nur eine von mehreren Faktoren.

derStandard.at: Waren die ArbeitsmigrantInnen der Sechzigerjahre mehrheitlich schlecht ausgebildet?

Ansari: Sehr viele von ihnen kamen gar nicht aus Arbeiterfamilien, und einige von ihnen waren hochqualifiziert, aber in Großbritannien machten sie Arbeiterjobs. Denn es gab einen offenkundigen Rassismus. Die einzigen Jobs, die ihnen zugestanden wurden, waren Hilfsarbeiterjobs oder unterqualifizierte Arbeiten. Und das zeigt sich noch heute: Ihre Nachfahren sind häufiger arbeitslos, sie sind weniger oft akademisch tätig, und sie sind in verarmten Wohngegenden konzentriert. Das ist gefährlich: Denn mit solchen Erfahrungen im Rücken, entwickelt man eine gewisse Abneigung gegen die Gesellschaft, man wird entfremdet.

derStandard.at: Das betrifft aber Kinder aus allen Zuwanderungsgruppen – nicht nur muslimische. Warum haben Sie Ihre Forschung auf Muslime konzentriert?

Ansari: Was Muslime betrifft, hat sich das Klima in Großbritannien verändert. Vor den 1980ern war die Regierungspolitik von einem multikulturellen Ansatz geprägt. Mit Magaret Thatcher bewegte sich die Politik weg von diesem Ansatz, es gab viel weniger Finanzierung für solche Anliegen. Man forderte Assimilation. Individuen wurden ermutigt, nach Erfolg zu streben – aber Gruppenanliegen wurden niedergeschmettert. Ethnizität war kein Thema. Und das führte dazu, dass sich bestimmte Selbsthilfe-Organisationen, und viele von ihnen waren islamisch, einen Aufschwung erlebten.

derStandard.at: Warum waren es gerade islamische Vereine, die Zuspruch fanden?

Ansari: Das hängt auch damit zusammen, dass gleichzeitig andere Themen als brisant wahrgenommen wurden. Bestimmte weltpolitische Konflikte zwischen mehrheitlich islamischen und nicht-islamischen Teilen der Welt brachten bei Muslimen die Frage auf, wie man sich hier positionieren solle. Auch innerhalb Großbritanniens gab es Themen, die bei der Mehrheitsgesellschaft Anstoß fanden: Muslime forderten Halal-Ernährung, viele befürworteten geschlechtergetrennte Schulbildung. Ende der 1980er kam dann die große Bombe mit der Verbrennung der Satanischen Verse (von Salman Rushdie, Anm.). Sie veränderte die Art, wie Muslime wahrgenommen wurden, und wie sie sich selbst wahrnahmen. Vorher, in den frühen 80ern, waren die Schwarzen im Fokus gestanden – es gab Unruhen in Brixton, Manchester und so weiter. Sie waren die Feinde im Inneren. Aber zu Beginn der Neunzigerjahre schwenkten die Scheinwerfer in Richtung Muslime. Weil man glaubte, dass sie bestimmte Werte infrage stellten. Sie wurden zu "den Anderen" gemacht.

derStandard.at: Die "Satanischen Verse" waren der Auslöser?

Ansari: Auch. Aber antimuslimische Vorurteile gab es schon viel länger. Das war Teil der britischen, der europäischen Geschichte. Muslime wurden als Bedrohung gesehen – als Bedrohung des Christentums, auch Europas. Das sind Sichtweisen, die sich über die Jahrhunderte in Europa gut verwurzelt haben. In den Neunzigern griff man auf diese Vorurteile zurück: Man dachte sich die muslimischen Männer als fanatische, intolerante, gewaltbereite Patriarchen, und die muslimischen Frauen als untergeordnete, passive, unterjochte und unselbständige Hausfrauen. Dabei sieht die britische Realität anders aus: In den heutigen Uni-Jahrgängen gibt es unter den Pakistanis mehr weibliche als männliche Absolventen.

derStandard.at: Wie wirken sich diese verzerrten Bilder aus?

Ansari: Die Frage ist: Wenn die Wahrnehmung ausschließlich eine negative ist, wie soll dann eine Verständigung funktionieren? Natürlich kann man nicht leugnen, dass diese Phänomene wie Zwangsheirat und Ehrenmord existieren. Aber häusliche Gewalt ist auch in der Mehrheitsgesellschaft ein großes Problem.

derStandard.at: Viele der ImmigrantInnen in Großbritannien hatten kaum Sprachprobleme, sie beherrschten die Landessprache schon vor der Einreise. Erleichterte das die Integration?

Ansari: Nur bedingt. Wir hatten zwar viel Antidiskriminierungspolitik, aber tief verankerte Stereotypen gehen nicht von einer Generation zur nächsten einfach weg. Auch heute verstehen die Menschen "Britishness" immer noch in einer ganz bestimmten Weise. Und das bringt einen gewissen Unmut über die "Anderen", über Minderheiten, mit sich. Diese Haltung findet sich auch bei den Regierenden, und sie mündet in Ungleichbehandlung. Es gibt zwar den Leitgedanken, dass Muslime gleich gut qualifiziert und gleich kompetent sind, aber im Hinterkopf schwirrt das jahrhundertealte Gefühl der Überlegenheit einer kolonialen Monarchie herum. Und es gibt ja immer Schlupflöcher der Diskriminierung, die nicht reglementiert werden können.

derStandard.at: Zum Beispiel?

Ansari: Es gab einen Test, wo gleich qualifizierte Menschen für Jobs bewarben. Man sah, dass jene, die zum Interview eingeladen wruden, zum Großteil jene waren, die offensichtlich britische Nachnamen hatten.
Denn bei Bewerbungen geht es ja in den wenigsten Fällen darum, wie geeignet ein Kandidat ist, sondern, wie akzeptiert er ist. Ob die Chemie stimmt, ob er ins Team passt. Werte, Normen, Verhaltensweisen, Gewohnheiten spielen da eine große Rolle. Und es sind die Führungspersonen, die darüber entscheiden. Da Führungspersonen aber in der Regel weiße Männer aus einer bestimmten Schicht sind, kommen da eben ganz bestimmte Ergebnisse heraus. Diese Entscheidungsträger sind überzeugt, dass sie alle Menschen gleich behandeln und nicht diskriminieren. Die Statistiken sagen aber etwas anderes.

derStandard.at: Haben Sie in Großbritannien eine öffentliche Debatte über muslimische Parallelgesellschaften?

Ansari: Ja. In einigen nordenglischen Städten und Gemeinden gibt es eine ethnische beträchtliche Segregation. Pakistanis leben hier, Weiße dort. Das Resultat ist, dass sie sich kaum begegnen, kaum miteinander kommunizieren. Und warum? Das hat historische Gründe. Wo fanden Arbeitsmigranten Jobs? Wo fanden sie billige Unterkünfte? Natürlich zogen Neuankömmlinge dort hin, wo schon Vertreter der eigenen Community waren – um Unterstützung zu bekommen, wenn sie Fragen hatten. Und so entstanden diese Konzentrationen, vorwiegend in verarmten Bezirken. Man kann das nun so interpretieren, dass sich diese Menschen isolieren und nur unter sich bleiben wollen. Aber die Gründe liegen woanders: Der Multikulturalismus wollte ihnen erlauben, autonom zu leben. Und das führte genau zum Gegenteil von dem, was erwünscht war. Die Gesellschaft hat sich auseinander gelebt, anstatt sich miteinander zu verständigen. Es gibt heute mehr Anfeindungen. (Maria Sterkl, derStandard.at, 12.3.2010)

Zur Person

Khizar Humayun Ansari forscht seit Jahren über Muslime in Großbritannien. Er leitet das Centre for Ethnic Minority Studies, ein Forschungsinstitut am Royal Holloway, University of London. Im Jahr 2002 wurde ihm für seine Verdienste um die Wissenschaft der Orden des Britischen Königreichs (OBE) verliehen.

  • Die Politik gebe sich Mühe - doch "tief verankerte Vorurteile ließen sich nicht von einer Generation zur nächsten einfach weg", sagt Humayun Ansari
    derstandard.at

    Die Politik gebe sich Mühe - doch "tief verankerte Vorurteile ließen sich nicht von einer Generation zur nächsten einfach weg", sagt Humayun Ansari

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