Swingkomet

12. März 2010, 11:27
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Django Reinhardt wird in diesem Jahr ob seines 100. Geburtstags gefeiert: Eine CD-Box erinnert an die singuläre Musikalität des ersten bedeutenden Europa-Jazzers

Der europäische Jazz - das war lange Zeit eine Szene, die sich bemühte, die Errungenschaften von Uncle Sam zu verarbeiten. Es dauert bis zu den 1950er-Jahren, bis sich in Europa so etwas wie relevante Individualität einzustellen begann. Namen wie Saxofonist Hans Koller, Gitarrist Attila Zoller und vor allem Posaunist Albert Mangelsdorff konnten im Rahmen des Cool Jazz Dinge erspielen, die auch in Übersee Beachtung fanden. Später kam es auch zu markanten Ausformungen des freien Spiels in Europa, zu eigenständigen Schulen in Großbritannien, den Niederlanden und in Deutschland (wildester Vertreter: Peter Brötzmann).

Und doch: Es gab schon viel früher eine singuläre, vorbildlose Gestalt, die wie ein Komet der Musikalität einschlug und auch in Übersee reüssierte, wenngleich ein lustiges Maß an Unzuverlässigkeit dazu führte, dass die Zusammenarbeit mit Duke Ellington und anderen Kapazundern ohne Kontinuität blieb. Django Reinhardt, dessen 100. Geburtstag man 2010 feiert, war französischer Sinti und einfach ein genialer Gitarrist. Noten konnte er keine lesen, er hat aber Klassiker wie "Nuages" erdacht und war auf seinem Instrument stilbildend. Oktavläufe hat er vor Wes Montgomery verwendet, sein süßer Ton war jederzeit erkennbar. Und ausgerechnet eine Katastrophe hat zusätzlich zu dem einzigartigen Stil beigetragen. Django hatte sich bei einem Brand im Wohnwagen der Familie schwer verletzt. Danach standen ihm nur noch zwei Spiel-Finger zur Verfügung (Zeige- und Mittelfinger), der dritte war nur teilweise funktionstüchtig, der vierte unbrauchbar, und so musste er eine ganz neue Technik entwickeln. Etwa seine Tremolo-Glissandi stehen ursächlich mit seinen "limitierten" Möglichkeiten in Zusammenhang. Die 3-CD Box (plus DVD) "Retrospective Django Reinhardt" (Universal) bringt Material von 1934 bis 1953 und bietet einen Überblick über Reinhardts Schaffen - vor allem zusammen mit dem Hot Club de France (mit Geiger Stéphane Grappelli).

Auf dem typischen "Dubcek-Dubcek"-Rhythmus entfaltete sich die überschäumende improvisatorische Verspieltheit des genialen Melodikers - mit dem vibrato-verliebten Klang der Akustischen, die in den 50ern durch eine E-Gitarre ergänzt wurde. An den späteren Aufnahmen hört man, dass Django auch stilistisch auf der Höhe der Zeit war und jenen Sound, für den er heute noch steht, abgestreift hatte. (Ljubisa Tosic/ DER STANDARD, Printausgabe, 12.3.2010)

 

  • Arbeit und Genuss müssen kein Widerspruch sein: Django Reinhardt.
    foto: universal

    Arbeit und Genuss müssen kein Widerspruch sein: Django Reinhardt.

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